MMW-Fortschr. Med. Originalien I/2014 (156. Jg.), M. Köhler et al., Arztrolle 1 MMW-Fortschritte der Medizin Originalien Nr. I/2014 (156. Jg.), S. 1–5 Die Arztrolle in der „medical drama“-Falle? Reflexion stereotyper Arztcharaktere im Kontext zeitgenössischer TV-Serien Von M. Köhler, C. Grabsch, M. Zellner, M. Noll-Hussong S eit über 50 Jahren „praktizieren“ Ärzte im deutschen Fernsehen, wobei nach und nach ein hehrer ge- sundheitspädagogischer Anspruch dem reinen Unterhaltungswert wich [1–5]. In den USA wurde 1993 mit „Emergen- cy Room“ das Zeitalter des modernen „medical drama“ eingeläutet [6–8]. Die Entwicklung aufwändiger, realitätsnaher, aber auch mit Comedy-Stilmitteln produ- zierter Serienformate nahm seinen Lauf und brachte weitere Serien wie „Scrubs“ oder „Grey’s Anatomy“ [9] hervor, deren medizinsicher Gehalt eher ungewollt wie- der auf den einstigen, zumindest öffent- lich-rechtlichen Bildungsauftrag verwies [10–15]. Beim deutschen Publikum sind die (wer- bewirksamen) Zuschauerquoten ameri- kanischer Arztserien am ehesten in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen anzu- siedeln und damit höher als im Vergleich zu den – zumeist beschaulicheren – deut- schen Arztserien. Dabei fällt die Rol- lenbesetzung meist stereotyp aus – zur dargestellten Arztrolle werden attraktive und/oder charaktertypische [16] Schau- spieler bzw. Figuren [17] ausgewählt. Aus der inzwischen langjährigen Prägung der deutschsprachigen Zuschauer folgte die Fragestellung unserer Pilotstudie, ob die Darstellung eines idealtypischen US- amerikanischen Arztes gerade eingedenk eines „information bias“ [18] einen Ein- fluss auf die Arztwahl in Deutschland ha- ben könnte [19, 20]. METHODE Probanden und Fragebogen Im Zeitraum vom 12. bis 14.07.2013 wurden 100 Studenten (Gruppe A: Er- wachsene < 40 Jahre, n = 100; Serie wurde In zeitgemäßen US-Ärzteserien werden die Charaktere meist durch attraktive oder charaktertypische Schauspieler dargestellt. Das Ziel unserer Pilotstudie war es, zu untersuchen, ob die langjäh- rige Prägung der deutschen Zuschauer durch dieses Fernsehformat einen Ein- fluss auf die Arztwahl in Deutschland haben könnte. Hierzu wurden in Antizi- pation der TV-Konsummuster zwei ver- schiedene Personengruppen befragt: Eine erste Gruppe jüngerer Erwachse- ner wurde gebeten, über ein online- gestütztes Umfragetool vier von uns herausgearbeitete, stereotype Arztcha- raktere, die von den Sehgewohnheiten als bekannt vorausgesetzt wurden, hinsichtlich dreier Kriterien (Sympa- thie, fachliche Kompetenz und eigene Behandlungspräferenz) zu bewerten. Der zweiten Gruppe von Erwachsenen jenseits des 40. Lebensjahres wurden Fotos der Serienfiguren gezeigt, ohne dass deren Bekanntheit vorausgesetzt wurde. Die Studienteilnehmer sollten den „Arzt“ wählen, von dem sie sich am ehesten behandeln lassen würden und dies anhand von zwei vorgegebenen, ausschlaggebenden Gründen (Sympa- thie oder fachliche Kompetenz) festma- chen. Es zeigt sich, dass stereotype Arzt- bilder nur bei der ersten Personengrup- pe hohe Zustimmung fanden, während sich die Teilnehmer der zweiten Gruppe mehrheitlich für eine realitätsnähere Darstellung mit durchschnittlicher Er- scheinung entschieden. Schlüsselwörter: Arztrolle – TV – Medical drama – Stereotypen ZUSAMMENFASSUNG Eingereicht am 20.11.2013 – akzeptiert am 14.01.2014 als bekannt vorausgesetzt) der Univer- sität Ulm gebeten, mittels des onlinege- stützten Umfragetools „Survey Monkey“ [21] einen Fragebogen auszufüllen. In diesem Zusammenhang wurde in der „Facebook-Gruppe des zweiten Semes- ters Humanmedizin der Universität Ulm“ – in Würdigung der Bedeutung eines sozialen Mediums wie Facebook nicht zuletzt für Medizinstudenten [22– 24] – auf die Möglichkeit hingewiesen, freiwillig an dieser anonymen Umfrage Stud. med. Moritz Köhler, stud. med. Claudia Grabsch, stud. med. Maximilian Zellner, Universität Ulm; Dr. med. Michael Noll-Hussong, Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum Ulm This article is part of a supplement not sponsored by the industry. Belegexemplar