Hille Haker Narrative Bioethik – Ethik des biomedizinischen Erzählens Ich möchte mit einer kurzen Klärung des Ausgangspunkts für meine Reflexion auf die narrative Bioethik beginnen. 1. Der Begriff der narrativen Bioethik ist in der deutschen Diskussion bisher kaum ein- geführt; anderes gilt jedoch – zumindest in der Theologischen Ethik – für den Begriff bzw. Ansatz einer „Narrativen Ethik“, von Dietmar Mieth in den siebziger bis achtziger Jahren im Kontext der narrativen Theologie und auf der Grundlage des theologischen Ansatzes von Edward Schillebeeckx entwickelt. Damals sollte mit diesem Ansatz ein Terrain für die ethische Reflexion zurückgewonnen werden, das in einer normativen Perspektive, wie sie zu der Zeit in der katholischen Moraltheologie vorherrschte, allzu sehr an den Rand gedrängt zu werden drohte. Mieth ging es – im Unterschied etwa zu Stanley Hauerwas’ gemeinschaftsbezogenen „Community-Ethics“ um eine offene Tu- gendethik als sozialkritische und -therapeutische Modellethik, die der Frage nach der Begründung des moralisch-richtigen Handelns zur Seite zu stellen sei. Angelpunkt sei- ner Reflexionen war dabei der Erfahrungsbegriff (Mieth 1998, 1999). 1 Als in den neun- ziger Jahren die „Narrative Bioethics“ in der US-amerikanischen Bioethik etabliert wur- de, war diese eher einem ähnlichen Unbehagen an der „Mainstream“-Bioethik (vor allem an dem so genannten „Principlism“) 2 geschuldet als der genauen Vorstellung, wie die narrative Bioethik entfaltet werden könne. Nur eine kleine Gruppe von Wissen- schaftlern arbeitete in den letzten 15 Jahren beharrlich an der methodischen und inhalt- lichen Profilierung, die jedoch weitgehend auf den amerikanischen Diskurszusammen- 1 Mieth, Dietmar, Moral und Erfahrung. Neuauflage in 2 Bänden, Freiburg [Schweiz] / Freiburg i. Br. 1998 / 1999. Zur Rezeption narrativer Ansätze und der Erörterung des Verhältnisses von Ethik, Erzählen und Literatur aus meiner Sicht vgl. Haker, Hille, Moralische Identität. Literarische Le- bensgeschichten als Medium ethischer Reflexion. Mit einer Interpretation der „Jahrestage“ von Uwe Johnson, Tübingen 1999. 2 Vgl. Beauchamp, Tom L. / Childress, James F., Principles of biomedical ethics, Oxford / New York 2001, das in immer wieder überarbeiteten Auflagen erscheint und ein guter Seismograph für die bioethische Diskussion in den USA ist.