1929 Louis Lewin und das Ende der Toxikologie 1 Bettina Wahrig und Angelika Neubaur-Stolte Das Jahr 1929 – so behauptet der Titel dieses Beitrags – markiert ein Ende in der Geschichte der Toxikologie; polemisch überspitzt das Ende. In die- sem Jahr erschien Louis Lewins Lehrbuch der Toxikologie in vierter Aufla- ge, gleichzeitig als Ausgabe letzter Hand, denn der Autor verstarb 79-jährig kurz nach dem Erscheinen. Die Toxikologie als die Lehre von den Giften und ihren Wirkungen, oder, wie es z.B. in einer heutigen Wörterbuchdefinition heißt, von den »Giften und Vergiftungen«, 2 existierte weiter. Jedoch starb mit Lewin einer der wichtigsten Befürworter der fachlichen Eigenständig- keit der Toxikologie, der ein solches Projekt auch in seiner Person vertreten konnte – womit auch dieses Anliegen verloren ging. Die Toxikologie, so wie der Mediziner Lewin sie vertrat, ist heute meis- tens institutionell zusammen mit der Pharmakologie verankert. Toxikologi- sche Spezialfelder sind etwa die Gewerbetoxikologie, die Umwelttoxikologie oder die Strahlentoxikologie. Diese Gebiete haben seit Lewins Tod an Be- deutung gewonnen, ohne dass sie jedoch zu eigenen Disziplinen geworden wären. Die ersten Lehrbücher der Toxikologie erschienen Ende des 18. Jahr- hunderts. 3 Mitte des 19. Jahrhunderts lagen mehrere umfassende Gesamt- darstellungen in den wichtigsten europäischen Sprachen vor, die durch das gesamte 19. Jahrhundert hindurch immer wieder neu übersetzt und aufge- legt wurden. 4 Lewin war einer der Wenigen, die auch in den 1920er Jahren die Toxikolo- gie noch in ihrer ganzen Breite überschauten und bearbeiteten. 5 Dass er trotz unbestrittener wissenschaftlicher Leistungen institutionell nicht erfolgreich war, lag sicherlich zu einem großen Teil in seiner Zugehörigkeit zum jü- dischen Glauben begründet, 6 es wäre aber zu kurz gegriffen, das im Titel dieses Beitrags statuierte ›Ende‹ nur auf diesen Faktor zurückzuführen. Im Vorwort zur vierten Auflage präsentiert Lewin sein Buch als sein wissenschaftliches Vermächtnis; es umfasse die »Ergebnisse einer Lebens- arbeit«. 7 Indirekt enthält auch der Titel des Buchs einen Hinweis auf das hier behauptete Ende der Toxikologie: Während alle vorherigen Auflagen das