Geheimnis und Gerücht Die Geschichte des falschen Agrippa bei Tacitus ( Ann. 2,39-40) 1 Ábel Tamás Der vorliegende Beitrag soll eine in zwei Kapiteln erzählte Geschichte aus den An- nalen des Tacitus interpretieren, die, wie der Autor einer vor etwa zehn Jahren publizierten historischen Monograie über die Räuber des Römischen Reiches an- merkt, von Tacitus so detailliert geschildert ist, dass dies durch die geringe ge- schichtliche Bedeutung der Geschehnisse kaum erklärt werden kann. 2 Der Alt- historiker bietet denn auch gleich eine Erläuterung an, die dem Geist der antiken Historiograie – z.B. der Charakterisierung von Figuren durch kurze Geschichten – keinesfalls fremd ist: Tacitus sei demnach bestrebt gewesen, mit einer relativ detaillierten Schilderung des Ereignisses seiner eigenen notorischen Abneigung gegen Kaiser Tiberius Ausdruck zu verleihen. Andere Autoren liefern zwar viel subtilere Deutungen, doch scheinen alle Interpretationen darin übereinzustim- men, dass der Episode, die von einem sich als Agrippa Postumus, d.h. als Enkel des Augustus, aufspielenden Sklaven und seiner Bestrafung durch Tiberius handelt, auch innerhalb der Annalen eine weit über sich weisende Bedeutung zukomme. Um lediglich zwei, auch meine Auslegung stark beeinlussende markante An- sätze zu erwähnen: Die Erzählung von Tacitus wird von Holly Haynes im Zusam- menhang von fingere/credere (›ingieren/glauben‹) untersucht und zwar als ein Bei- spiel für die Bloßstellung der Macht als Simulakrum, da die Macht gerade von den Unterworfenen iktiv/simulativ konstruiert und gleichzeitig als a priori Gegebenes akzeptiert wird; 3 die Erzählung über den falschen Agrippa wird andererseits in Philip Hardies Monograie über die unterschiedlichen Ausgestaltungen der fama (›Nachricht, Gerücht, Gerede, Erzählung, Überlieferung, Ruhm, Reputation‹) 1 | Die vorliegende Studie wurde im Rahmen des Projekts MTA TKI 01241 erstellt. Mein besonderer Dank gilt Dániel Kozák für die sorgfältige Durchsicht meines Manuskripts und für seine inspirativen Vorschläge sowie Katalin Teller für die rücksichtsvolle Übersetzung aus dem Ungarischen ins Deutsche. 2 | Vgl. Grünewald: Räuber, S. 174. 3 | Vgl. Haynes: The History, S. 9f.