46 ■ Anna-Katharina Wöbse und Mieke Roscher Zootiere während des Zweiten Weltkrieges: London und Berlin 1939–1945 Einleitung Der Krieg war noch gar nicht ausgebrochen, da wurde im August 1939 ein Tier prophylak- tisch aus der britischen Hauptstadt aufs Land evakuiert, um seine Sicherheit zu gewährleis- ten. Es war ein Tier mit VIP Status, die Attraktion und unangefochtene Diva des Zoos – Ming, eine junge Pandabärin. Nur wenige Monate später, im April 1940, wurde die Bärin zurück ins Herzen der Stadt geschickt. Sie hatte sich verändert, wie der Evening Standard aufgeregt berichtete. In der ländlichen Abgeschiedenheit war sie mehr zum Bär geworden: Sie hatte 50 Pfund Gewicht zugelegt, einen Teil ihrer Verspieltheit zurückgelassen und ihr waren ein reelles Paar an Fangzähnen gewachsen, »as sharp as those of a bear and she does not hesitate to use them« 1 . Ming hatte sich jenseits des Londoner Trubels schlichterdings in eine Vertreterin ihrer Art verwandelt. Es schien ihr gut zu gehen. Wäre es um das Wohl des Bären gegangen, hätte er im ländlichen Exil bleiben können. Nun aber wurde sie zurückbe- ordert und in eine Schicksalsgemeinschaft mit der Londoner Bevölkerung eingegliedert, die angespannt den Beginn von Kampfhandlungen erwartete. Durch die verheerenden Bom- benangrife der deutschen Luftwafe auf London seit September 1940, dem so genannten Blitz, sollte sich die Extremsituation des Krieges noch einmal verschärfen und der Bedarf an tierischer Unterstützung wuchs. Es kam zu einer Verdichtung des Mensch-Tier-Verhält- nisses und dies brachte eine Verschiebung der Beziehung mit sich, die unmittelbare Aus- wirkung auf das Leben der Zoobewohner haben sollte. Die kriegsgebeutelte Öfentlichkeit erwartete, dass ihre Lieblingstiere in dieser lebensbedrohlichen Lage in ihrer Nähe waren. Dieser Aufsatz wird zum einen die symbolische und reale Stellung des Zootieres wäh- rend des Krieges und seine Nutzung für Propagandazwecke analysieren. Zum anderen wird der Beitrag durch die Beschreibung einzelner Tiere ausleuchten, welche Rolle sie in einer gesellschaftlichen Krisensituation konkret spielen. Die changierenden Bedeutungszuschrei- bungen von ›Bedrohung‹, › Zivilisation‹ und › Wildnis‹ treten entlang des Beispiels des Mensch- Tier-Verhältnisses im Krieg deutlich zu Tage. Das ist kein allein britisches Phänomen. Auf Seiten der deutschen Aggressoren stellte sich die Wahrnehmung der Mensch-Tier-Beziehung in der Kriegssituation nicht weniger aufgeladen dar. In Berlin kam es zu Evakuierungsmaß- nahmen, um die ›unschuldigen‹ Tiere vor den Bombenangrifen in Sicherheit zu bringen. Beide Zoos stellten gleichzeitig sicher, dass sie als Orte urbaner Normalität weiterhin geöf- net und Tiere sichtbar blieben. Die Grenzen zwischen Mensch und Tier wurden, so unsere hese, in dieser Zeit zumindest vorübergehend neu gezogen. Angesichts der menschlichen Feinde außerhalb der Nation, wurden die Zootiere der Metropolen als Teil des nationalen »Wir« verstanden. Beide waren Bestandteile eines Kollektivs, eines Netzwerks menschlicher und nicht- menschlicher Wesen, wie Bruno Latour es gefasst hat, die miteinander auf verschiedenen 1 he Evening Standard, 29. Januar 1940. WERKSTATT GESCHICHTE / Heft 56 (2010) – Klartext Verlag, Essen S. 46–62