NEMESIS-ADRASTEA. ZUR VISUELLEN KULTUR HERDERS UND HÖLDERLINS Michele Cometa 1. Philosophie der Zukunft Mit Recht hat man verstärkt auf die enge und dauerhafte Beziehung, die Hölderlin 1 sowohl auf persönlicher als auch auf rein poetischer und poetologischer 2 Ebene mit Herder 3 ver- band, hingewiesen. Auch dann, als der Schüler sich von seinem Meister entfernte. Dies wird bei der Interpretation einer mythologischen Zen- tralgestalt im Denken Herders deutlich, die bei Hölderlin aller- dings nur am Rande erscheint: die Nemesis-Adrastea. Die selte- nen Zitierungen im Werk Hölderlins sowie die wesentlich anti- herdersche Auslegung, die Hölderlin dieser Figur zukommen lässt, dürfen allerdings nicht in die Irre führen. Auch im Falle dieser Gestalt, insbesondere hinsichtlich der visuellen Kultur, die diese Übermittlung ermöglichte, ist Hölderlin Herder zu Dank verpflichtet ebenso wie der interpretativen Tradition, von der Herder ein grundlegender Angelpunkt innerhalb der deutschen Kultur darstellt. Die Gestalt der Nemesis-Adrastea stellt sich in den Mittel- punkt von Herders Philosophie der Hoffnung, eine Philoso- phie, welche eine bedeutende Rezeption während der ganzen 1 Hölderlins Werke werden nach der folgenden Ausgabe zitiert: F. HÖLDERLIN, Sämtliche Werke und Briefe, hg. von J. Schmidt, Frankfurt a. M. 1992, (von jetzt an SWB, Band, Seiten). 2 Vgl. vor allem U. GAIER, Der gesetzliche kalkül. Hölderlins Dichtungslehre, Tü- bingen 1962, passim, und die zahlreichen bahnbrechenden Aufsätze Gaiers zu Hölder- lin und Herder. 3 Herders Werke betreffend, beziehen wir uns auf die Ausgabe J.G. HERDER, Sämtliche Werke, hg. von B. Suphan (C. Redlich, R. Steig), Berlin, 1878 ff. (von jetzt an SW, Band und Seiten).