Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft Wien 138, 2008 Feine Unterschiede Zu „Keltengenese“ und ethnogenetischen Prozessen in der Keltiké Raimund KARL Bangor University Abstract: In der deutschsprachigen Forschung wird immer noch gerne die „Keltengenese“, die „Entstehung der Kelten“, als ethnogenetischer Prozess, also als Entstehungsprozess eines „Volkes“ verstanden. International hat sich hingegen die Forschung weitgehend darauf geeinigt, daß man „die Kelten“, ob in der Antike oder später, keineswegs als „ein Volk“ betrachten könne, sondern der Begriff Kelten im Wesentlichen eine Schöpfung von nationalistischem Gedankengut beeinflußter Forscher zwischen dem 16. und 19. Jh.n.Chr. darstellt. In diesem Beitrag wird ein Modell vorgestellt, das die Keltengenese als Prozess der Kulturontogenese beschreibt, also als einen Prozess, der zur Entstehung bestimmter, durch moderne Beobachter wahrnehmbarer Ausprägungen kulturellen Handelns führt, und so zur Entstehung eines durch diese modernen Beobachter bestimmbaren raumzeitlichen Verbreitungsgebietes führt, daß man als Keltiké ansprechen kann. Dieser Prozess der kulturellen Ontogenese unterscheidet sich jedoch ganz wesentlich von ethnogenetischen Prozessen, die innerhalb dieser Keltiké ablaufen und damit zwar Teil der kulturellen Ontogenese der Kelten sind, jedoch nicht mit dieser gleichzusetzen sind. Akzeptiert man diesen feinen Unterschied, lösen sich eine ganze Reihe schwerwiegender Probleme mit dem modernen Keltenbegriff von ganz allein. Summary: The emergence of „the Celts“ is still frequently understood as an ethnogenetic process in much of German research. Internationally, however, there is almost complete agreement that the term “Celts” is not referring to “a people”, whether in Antiquity or later, but rather a creation of scholars of the 16 th -19 th century AD, who had been influenced by nationalist thought. This article introduces a model, which understands the “emergence of the Celts” as a process of cultural ontogenesis. This process leads to the emergence of products of cultural agents, observable by modern scholars within a spatially and temporally bounded area of distribution, which can be described as the Keltiké. This process of cultural ontogenesis, however, is considerably different to ethnogenetic processes. The latter do take place within the Keltiké, and thus form part of the wider phenomenon of Celtic cultural ontogenesis, but cannot be equated with it. If this fine differentiation is accepted, many of the serious problems associated with the modern term ‘Celtic’ disappear. Schlagworte: Kelten, Ontogenese, Ethnogenese, Theorie, Keltenbegriff, Modellentwicklung --- Nachdem im deutschsprachigen Raum noch immer Modelle der „Keltengenese“ kursieren bzw. sogar als neue wissenschaftliche Erkenntnisse vorgestellt werden (z.B. URBAN 2007, 604-7), die letztendlich nicht mehr als einen Rekurs auf die ethnische Deutung im Sinne KOSSINNAs (1920) darstellen, scheint es angebracht, ein alternatives, und meiner Meinung nach weitaus besser fundiertes und berechtigteres Modell der Keltengenese vorzustellen. Dieses beschreibt die Ontogenese keltischer Kulturerscheinungen, nicht die Entstehung eines keltischen Volks (bzw., wie es heute gerne moderner ausgedrückt wird, eines keltischen Ethnos). In Anbetracht der Tatsache, dass seit nunmehr gut 25 Jahren (cf. P AULI 1980) bekannt ist, dass es sich beim Keltenbegriff nicht um die Bezeichnung eines Volkes handelt, und dass gerade in den letzten beiden Jahrzehnten der Begriff international intensiv diskutiert wurde (cf. CHAPMAN 1992; COLLIS 1994; 2003; JAMES 1999; KARL 2004b; RIECKHOFF 2007), ist ein solches Alternativmodell dringen nötig, das es ermöglicht, das alte ethnische Modell der „Keltenethnogenese“ endgültig zu überwinden. Um den (eigentlich gar nicht so feinen) Unterschied zwischen der Ontogenese keltischer Kulturerscheinungen (kurz „Keltengenese“) und ethnogenetischen Prozessen besonders deutlich herauszustreichen, wird hier gleichzeitig ein Modell solcher ethnogenetischer Prozesse in der Keltiké vorgestellt. Dieses letztere Modell zeigt, dass davon ausgegangen werden muss, dass zu (nahezu) jeder Zeit innerhalb der Keltiké viele verschiedene Ethnien nebeneinander existiert haben. Um diese beiden Modelle sinnvoll und verständlich entwickeln zu können, sind vorab jedoch einige Vorbemerkungen und Definitionen notwendig. 1