Erschienen in: in: Rafael Hüntelmann/Uwe Meixner/Erwin Tegtmeier (Hgg.), Ontologie der Modalitäten, Metaphysica Sonderheft 1 (2001) 179-193. Ludger Jansen (Münster) Sind Vermögensprädikationen Modalaussagen? 1. Aristoteles über zwei Verwendungsweisen von dynaton Die ältesten philosophischen Überlegungen zur Frage der Modalitäten sind uns in den Schriften des Aristoteles überliefert. Modallogik und Modalontologie beginnen dort als Auseinandersetzung mit dem Wort dynaton. Die Lehrstücke von den modalen Syllogismen 1 und von der Vermögenslehre, der Theorie von dynamis und energeia, von Potenz und Akt, 2 sind berühmt und für ihre Interpretationsschwierigkeiten berüchtigt. Eine der vielen Interpretationsschwierigkeiten ergibt sich daraus, daß Aristoteles mit seiner philosophischen Sprache der griechischen Alltagssprache noch sehr nahe ist: Nur in sehr seltenen Fällen entwickelt er eine philosophische Terminologie; ansonsten übernimmt er alltagssprachliche Begriffe. Ausdrücklich und ausführlich weist er zwar auf deren Mehrdeutigkeiten und Unschärfen hin, macht aber selbst selten genug kenntlich, welchen präzisen Sinn er jeweils mit diesen mehrdeutigen Wörtern verknüpft, wenn er sie dann selbst verwendet. Dies aus dem Kontext zu erheben, ist die schwierige Aufgabe des Aristoteles-Interpreten. Hier soll ein systematisches Problem diskutiert werden, das in einer solchen Mehrdeutigkeit wurzelt, nämlich in der Mehrdeutigkeit des Wortes dynaton. Es hat eine schillernde Bedeutungsvielfalt: Es kann „möglich“, „vermögend“, „kraftvoll“ und „mächtig“ heißen. Aristoteles unterscheidet unter den von ihm angeführten Verwendungsweisen zwei hauptsächliche Gruppen: das, was aufgrund einer dynamis, eines Vermögens, dynaton genannt wird (dynaton kata dynamin), und das, was dynaton genannt wird, ohne daß ihm ein Vermögen zugrunde liegen müßte (dynaton ou kata dynamin). 3 Es ist diese zweite Gruppe, die dem, was wir heute „Modalitäten“ nennen, sehr nahe kommt, die also dem entspricht, was wir heute durch die logischen Modaloperatoren „Es ist möglich, 1 Vgl. dazu z.B. F. Buddensiek Die Modallogik des Aristoteles Hildesheim 1994 (= Zur modernen Deutung der aristotelischen Logik 6); U. Nortmann, Modale Syllogismen, mögliche Welten, Essentialismus, Berlin, New York 1996 (= Perspektiven der analytischen Philosophie 9); R. Patterson, Aristotle’s Modal Logic, Cambridge 1995. 2 Vgl. A. Smeets, Act en potentie in de Metaphysica van Aristoteles. Historisch-philologisch onderzoek van boek IX en boek V der Metaphysica, Leuven 1952; J. Stallmach, Dynamis und Energeia. Untersuchungen am Werk des Aristoteles zur Problemgeschichte von Möglichkeit und Wirklichkeit, Meisenheim am Glan 1952; U. Wolf, Möglichkeit und Notwendigkeit bei Aristoteles und heute, München 1979. Der Verfasser wird demnächst eine eigene umfassende Studie zu Aristoteles‘ Theorie der Vermögen in Metaphysik IX vorlegen. 3 Vgl. Metaphysik V.12. Für einen Überblick zur historischen Weiterentwicklung dieser Unterscheidung vgl. H.A. Ide, Possibility and