DZPhil, Akademie Verlag, 61 (2013) 2, 197–213 Die Einheit des Selbst nach Heidegger Von GEORG W. BERTRAM (Berlin) Heidegger hat in Sein und Zeit einen bemerkenswerten Ansatz der Erläuterung des mensch lichen Weltverhältnisses entwickelt. Dieser Ansatz zeichnet sich dadurch aus, dass er in wesentlichen Punkten mit der philosophischen Tradition zu brechen sucht. Heidegger macht geltend, dass die zentralen Aspekte des menschlichen Weltverhältnisses auf der Basis prob lematischer ontologischer Vorentscheidungen verstanden worden sind. Die Struktur der menschlichen Lebensform lässt sich aus seiner Sicht nicht mit Begriffen wie denen von Sub jekt und Objekt, Geist und Natur, Bewusstsein und Außenwelt erläutern. Heideggers Anspruch besteht entsprechend darin, die problematischen ontologischen Vorentscheidungen, die für die Tradition leitend waren, abzuschütteln. Auf diese Weise will er die zentralen Aspekte des menschlichen Weltverhältnisses neu begreifen. Will man Heidegger an diesem Anspruch messen, ist es entscheidend, sich zu fragen, welches die zentralen Aspekte des menschlichen Weltverhältnisses sind, die Heidegger neu zu fassen versucht. Geht es zum Beispiel um die menschliche Praxis oder um das menschliche Denken? 1 Ich bin der Meinung, dass diese möglicherweise von Sein und Zeit besonders nahe gelegten Themen nicht diejenigen sind, die im Zentrum von Heideggers Neuentwurf stehen. Im Zentrum steht die Frage nach dem Selbstverhältnis. Heidegger geht es darum, das Selbst verhältnis als zentralen Aspekt der menschlichen Lebensform angemessen zu verstehen. Dies ist verbunden mit der These, dass in der Tradition das Selbstverhältnis auf Grund falscher ontologischer Vorentscheidungen nicht richtig begriffen wurde. 2 Heidegger hat in unterschiedlicher Weise deutlich gemacht, dass das Selbstverhältnis das große Thema von Sein und Zeit ist. Aufschlussreich ist hier bereits die grundlegende Formel, mit der Heidegger den Begriff des Daseins erläutert. Es handelt sich um ein „Seiendes, dem es in seinem Sein um dieses Sein selbst geht“. 3 Dasein ist ein Seiendes mit Selbstverhältnis. Deutlich wird das Selbstverhältnis als das Zentrum von Sein und Zeit auch in der wichtigen Unterscheidung von Uneigentlichkeit und Eigentlichkeit. Wie Heidegger in § 27 sagt, geht es hier um eine Unterscheidung zweier Realisierungsweisen von Selbstverhältnis. Heidegger 1 Vgl. hierzu zum Beispiel die wichtigen Interpretationen von Dreyfus (1991) und von Figal (1988). 2 Mit dieser grundlegenden Diagnose schließt Heidegger nahtlos an die Diskussionen nach Kant an. Kants Erläuterung der „transzendentalen Apperzeption“ macht bereits geltend, dass das Selbstver hältnis nicht als eine Erkenntnisbeziehung zu begreifen ist. Schelling und Hegel haben diesen Ge danken weiterentwickelt. Es wäre eine eigene Untersuchung, Heideggers Ansatz in seinen Unter schieden und Afinitäten zu den Positionen Kants und Hegels zu beleuchten. 3 Heidegger (1986), 12 (im Folgenden als „SuZ“).