sehepunkte 14 (2014), Nr. 1 Dirk Syndram / Martina Minning (Hgg.): Die kurfürstlich-sächsische Kunstkammer in Dresden Lange haben die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden durch Ausstellungen und Kolloquia zur eigenen Entstehungsgeschichte auf ein maßgebliches Forschungs- und Publikationsprojekt hingearbeitet: Die wichtigsten Inventare der kurfürstlich-sächsischen Kunstkammer aus dem 16. bis 18. Jahrhundert sollten untersucht und veröffentlicht werden, um die außerordentliche Bedeutung dieser Sammlung für die europäische Kulturgeschichte hervorzuheben. Nun liegt das gewichtige Werk in Form einer vierbändigen Quellenedition und einer umfangreichen Aufsatzsammlung endlich vor. Damit reihen sich die Herausgeber in eine aktuelle Tendenz der kunsthistorischen Forschung ein. So wurde vor einigen Jahren schon das Inventar der Wittelsbacher Kunstkammer von 1598 herausgebracht. [1 ] Die Münchner Kunstkammer galt zum Zeitpunkt ihrer Einrichtung in den Jahren 1563 bis 1568 zweifelsohne als eine der wichtigsten fürstlichen Sammlungen im Heiligen Römischen Reich. Jedoch sollte Dresden, und nicht München, im Laufe des 17. Jahrhunderts Maßstäbe setzen. Die kurfürstlich-sächsische Kunstkammer zeichnet sich in mehreren Hinsichten als sammlungsgeschichtliches Forschungsobjekt ersten Ranges aus. Zunächst einmal liegen für die Dresdner Kunstkammer insgesamt sieben Inventare vor, welche die Entwicklung der Sammlung über 250 Jahre hinweg kontinuierlich dokumentieren. Das erste ist zugleich das früheste Kunstkammerinventar überhaupt. Es wurde im Jahr 1587 nach dem Tod von Kurfürst August verfasst, der die Sammlung mit Schwerpunkt auf wissenschaftlich-technische Instrumente angelegt hatte. Die Kunstkammer mit integrierter Drechselwerkstatt fungierte damals als Arbeitsraum des Kurfürsten. Erst unter Christian I. nahm sie museale Züge an: Der neue Kurfürst hielt zwar an dem Konzept einer wissenschaftlich-technisch orientierten Sammlung fest, er wies ihr jedoch eine dynastisch-memoriale Funktion zu. Die wichtigste Expansions- und Transformationsphase der Kunstkammer fällt allerdings in die Regierungszeit Johann Georgs I., der 1611 für 45 Jahre an die Macht kam. Trotz des Dreißigjährigen Krieges gelang es dem sächsischen Herrscher, durch Ankauf hochwertiger Artificialia die Bestände beachtlich zu erweitern und zugleich an den damals gültigen Sammlungskanon anzupassen. Wie hoch die Bedeutung der Kunstkammer am Hof eingeschätzt wurde, zeigt ein Projekt aus dem Jahr 1626: Damals trug sich Johann Georg I. mit dem Gedanken, die Kunstkammer von ihrem Standort unter dem Dach des Westflügels in den Nukleus des Dresdner Residenzschlosses zu verlegen: in die Räume über dem traditionellen Festsaal, den "Riesensaal". Doch aufgrund von Platzmangel kam es letztendlich nicht mehr dazu, und stattdessen wurden 1630 die bisherigen Ausstellungsräume im Westflügel renoviert und neu inszeniert. Dass diese Neuaufstellung erfolgreich war, zeigt sich an der publizistischen Resonanz, die ihren Höhepunkt in den Achtzigerjahren des 17. Jahrhunderts erreichte. Im Gegensatz zu den Kunstkammern in Heidelberg, Berlin, München, Stuttgart und Prag überlebte die kurfürstlich-sächsische Kunstkammer den Dreißigjährigen Krieg unbeschadet und avancierte damit zur bedeutendsten und meist besuchten Sammlung im Heiligen Römischen Reich. Ihr Ruhm dauerte weit bis ins 18. Jahrhundert an. Als Friedrich August I. 1694 an die Regierung kam, brach jedoch eine neue Epoche an. Denn der junge Kurfürst und baldige König von Polen legte großen Wert auf die zeitgemäße Präsentation seiner Schätze und war im Gegensatz zu seinen Vorfahren bereit, kreativ mit den ererbten Sammlungsbeständen umzugehen. Zum ersten Mal wechselte die Kunstkammer mehrmals und innerhalb kurzer Zeit den Standort, bis sie schließlich 1733 neue Räume im "Palais des Sciences" im Zwinger bezog. August der Starke hatte durchaus Interesse an der Kunstkammer, die von zahlreichen