SUZANA ALPSANCAR Relationalität und Topologie – zur Einleitung Der Begriff der Relationalität gilt in raumtheoretischen Zusammenhängen als mögliche Antwort auf die Frage nach der Seinsweise von »Raum« und nach dem Verhältnis von Raum und Ding wie auch von Raum und Betrachter bzw. Betrachterin. Relationalität benennt eine Perspektive, die den Raum als Ord- nung der Dinge und als Gefüge von Positionierungen begreift. Ein Ding wird demnach aus dem Verhältnis zum Raum, das heißt in seiner Lagebeziehung zu den gleichzeitig existierenden anderen Dingen bestimmt und Raum als die Lagebeziehung der Vielheit der Dinge definiert. Die Bestimmung eines Din- ges ergibt sich auf diese Weise über seine differentielle Stellung zu den ande- ren Dingen. Raumtheoretisch ist mit dem Begriff der Relationalität eine Absage an solche Vorstellungen vom Raum verbunden, die diesem eine eigen- ständige, von den Dingen unabhängige Existenz oder Seinsweise zukommen lassen. Die Vorstellung vom Raum als Relationsgefüge geht zurück auf Leibniz’ Definition des Raumes »als mögliche Ordnung der Dinge, die gleichzeitig existieren« 1 im Zusammenhang mit seiner Beweisführung der Existenz Gottes, wie er sie prominent im Briefwechsel mit Samuel Clarke verteidigt. Auf Basis dieser streng relativen Vorstellung von Raum arbeitet Leibniz an einer For- mulierung einer alternativen, mathematischen Beschreibungsform geometri- scher Figuren, die nicht auf deren Größe, sondern auf ihre Lagebeziehungen abhebt. Dieser in »De analysi situs« beschriebene Ansatz steht im Hintergrund der modernen Topologie als mathematische Disziplin, die durch Felix Haus- dorff und Kazimierz Kuratowski in der Mathematik axiomatisiert wurde. Dabei reicht die moderne Topologie weit über Leibniz’ Ansatz hinaus und dient wenn nicht als metastufiges, so doch zumindest als allgemeines Analy- severfahren verschiedenster (mathematischer) Gegenstände, und zwar zur Beschreibung der Struktur einer gegebenen Punktmenge als topologischer Raum. In den derzeitigen Raumdebatten fungiert das Stichwort vom topologischen Raum oft als zweifache Zurückweisung. Zum einen wird das Konzept eines absoluten Raumes verworfen, welches in der Vorstellung vom Behälter oder wie Einstein formuliert container 2 anschaulich wird. Zum anderen wird ein ›Primat der Zeit‹ verneint, welcher sich zum Beispiel in einer theoretisch ein- 1 Gottfried Wilhelm Leibniz, Samuel Clarke: Der Leibniz-Clarke-Briefwechsel, hg. v. Volkmar Schüller Berlin 1991, 38. 2 Albert Einstein: »Vorwort«, in: Max Jammer, Das Problem des Raumes [1954], Darmstadt 1960.