189 Zeitschrift für Internationale Beziehungen 14. Jg. (2007) Heft 1, S. 189-198 Andreas Nölke Für eine politische Theorie politischer Ordnungsbildung jenseits des Nationalstaats Eine Replik auf Zürn et al. Obwohl Michael Zürn et al. gerade die Politisierung internationaler Institutionen als ihr Explanandum gewählt haben, vernachlässigt ihre Erklärung eine Reihe fundamental politischer Phänomene, beispielsweise die Machtverteilung im internationalen System, die Entwicklung der kapitalistischen Weltwirtschaft und die Ungleichheit der politischen und ökonomischen Herrschaftssysteme innerhalb und außerhalb der OECD-Welt, ganz besonders aber die inhaltlich-substanzielle Dimension der von internationalen Institutionen gestalteten Politik. Aus der hier vertretenen Perspektive sind hingegen Inhalt und Form internationaler Institutionen untrennbar miteinander verbunden. Weder die Herausbildung trans- und supranationaler Institutionen noch die Proteste dagegen lassen sich ohne Einbeziehung der von ihnen vertretenen Inhalte und der davon berührten Interessen erklären. Dementsprechend sind auch der Entwicklung einer abstrakten und ahistorischen Theorie der nichtintendierten Nebenfolgen naturgemäß enge Grenzen gesetzt. 1. Einleitung 1 Michael Zürn, Martin Binder, Matthias Ecker-Ehrhardt und Katrin Radtke haben in ihrem Beitrag für die Zeitschrift für Internationale Beziehungen ein umfassendes Forschungsprogramm über die Ursachen des Bedeutungsgewinns internationaler Institutionen sowie die Konsequenzen dieses Prozesses skizziert (Zürn et al. 2007). Gleichzeitig entwickeln sie erste Anhaltspunkte für eine systematische Theorie nichtintendierter Nebenfolgen in den Internationalen Beziehungen (IB). Das Poten- tial eines solchen theoretischen Beitrags wird deutlich, wenn man die Vielzahl von empirischen Fragestellungen betrachtet, die von der Forschungrsgruppe aufgeworfen werden. Es geht um so diverse Gegenstände wie die Etablierung der liberalen Wirt- schaftsordnung nach dem zweiten Weltkrieg, die Weiterentwicklung des zwischen- staatlichen Gewaltverbots, die effektive Umsetzung von Normen zur Reduzierung von Kohlendioxidemissionen, die Entstehung des transnationalen Terrorismus, die Herausbildung »neuer Kriege« und vieles mehr. Ernst genommen werden muss der 1 Dieser Beitrag wurde insbesondere durch Diskussionen innerhalb des Amsterdam Rese- arch Centre for Corporate Governance Regulation (ARCCGOR) inspiriert. Mein beson- derer Dank gilt daher Bastiaan van Apeldoorn, Laura Horn, Henk Overbeek, James Perry, Arjan Vliegenthart und Angela Wigger. Für konstruktive Anregungen bin ich den beiden anonymen Gutachtern und der Redaktion der ZIB verbunden, ganz besonders Dieter Kerwer.