MUSTERSEITEN MUSTERSEITEN 1. KORREKTUR Alessandra Beccarisi Natürliche Prognostik und Manipulation Wilhelm von Moerbekes „De arte et scientia geomantiae” Im Jahre 1277 veröfentlichte Etienne Tempier, Bischof von Paris, einen Syllabus mit 219 Sätzen, die er als suspekt oder ketzerisch verurteilte. Dieses Dokument ist sehr bekannt. Weniger bekannt ist, dass in der Einleitung zum Dokument auch Texte wie Andreas Capellanus’ De amore, die geomantische Abhandlung Estima- verunt Indi und weitere nicht näher bestimmte geomantische Schriften verurteilt wurden. 1 Die Gründe für die bischöliche Abscheu gegen geomantische Texte sind bisher weder erforscht noch erklärt worden. Geomantische Praktiken müssen aber damals sehr verbreitet gewesen sein, besonders unter gebildeten Leuten. Ein gutes Beispiel dafür ist das Werk De arte et scientia geomantiae, das Wilhelm von Moerbeke, dem berühmten Übersetzer, Poenitentiar und Erzbischof von Korinth zugeschrieben wird. Es handelt sich dabei um einen Traktat über die Kunst der Divination durch die Interpretation von zufällig auf Sand gezeichneten Punktreihen, der ziemlich populär gewesen sein muss: 13 Handschriften in lateinischer Sprache und vier Ma- nuskripte einer französischen und einer italienischen Übersetzung dokumentieren das ungebrochene Interesse für dieses Werk. Die moderne Gelehrtenwelt brachte dieser Schrift allerdings nur wenig Auf- merksamkeit entgegen – mit guten Gründen. 2 Der umfangreiche, nur von drei 1 Pierre Mandonnet, Siger de Brabant et l’Averroïsme latin au XIIIe siècle, Louvain 1908; Pierre Duhem, Le système du monde. Histoire des doctrines cosmologiques de Platon à Copernic, VII, Paris 1954; Roland Hissette, Enquête sur les 219 articles condamnés à Paris le 7 Mars 1277, Louvain-Paris 1977; Kurt Flasch, Aufklärung im Mittelalter. Die Verurteilung von 1277 (= Excerpta classica, 6), Mainz 1989; Luca Bianchi, Il vescovo e i ilosoi, Bergamo 1990; David Pichè, La condamnation parisienne de 1277, Paris 1999; Nach der Verurteilung von 1277: Philosophie und heologie an der Universität von Paris im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts. Studien und Texten (= Miscellanea Mediaevalia, 28), hrsg. von Jan A. Aertsen, Kent Emery, Andreas Speer, Berlin 2001. 2 Bis heute hat sich nur hérèse Charmasson mit diesem Traktat beschäftigt, vgl. ihre Recherches sur une technique divinatoire: la géomancie dans l’occident médiéval (= Centre de Recherches d’histoire et de philologie de la IV e section de l’Ecole Pratique des Hautes Etudes, V: Hautes Etu- des Médiévales et Modernes, 44), Genève-Paris, 1980, S. 157–167. Vgl. auch Lynn T horndike, A History of Magic and Experimental Science during the First hirteen Centuries of Our Era, New York 1923, II, S. 118–121; Willy Vanhamel, Bibliographie de Guillaume de Morbeke, in: