„Von Jerusalem aus und rings umher…“ (Röm 15,19). Die paulinische Missionsstrategie im Dickicht der Städte Volker Rabens Keine andere Gestalt der Bibel hat so viele Städte bereist wie der Apostel Pau- lus. In den meisten Städten blieb Paulus für eine längere Zeit – Wochen, Monate und teilweise auch Jahre –, denn sein Interesse galt nicht etwa der Landeskunde (wie z.B. Pausanias’ Periégesis Griechenlands), sondern der Mission. Paulus will Menschen mit dem Evangelium erreichen, und dies umfasst für ihn mehr als eine punktuelle Bekehrungspredigt. Paulus predigt sehr wohl, aber seine Predigt ist eingebettet in einen umfassenderen Dienst, in dem er mit anderen Menschen (sein) Leben teilt: Ihr erinnert euch doch, liebe Brüder, an unsre Arbeit und unsre Mühe; Tag und Nacht arbeiteten wir, um niemand unter euch zur Last zu fallen, und predigten unter euch das Evangelium Gottes. Ihr und Gott seid Zeugen, wie heilig und gerecht und untadelig wir bei euch, den Gläubigen, gewesen sind. Denn ihr wisst, dass wir, wie ein Vater seine Kinder, einen jeden von euch ermahnt und getröstet und beschworen haben, euer Leben würdig des Gottes zu führen, der euch berufen hat zu seinem Reich und zu seiner Herrlichkeit (1Thess 2,9–12; vgl. 1,5f.). Paulus geht also mit den Menschen, die er mit dem Evangelium erreichen will, eine intensive Beziehung ein – er bezeichnet sich sogar als ihr Knecht (: 2Kor 4,5; vgl. 12,14f.; Kol 1,25). „Mission“ wird daher in diesem Beitrag als das multidimensionale Engagement eines Einzelnen oder einer Glaubensge- meinschaft verstanden, das das Ziel verfolgt, andere Menschen für die eigenen Glaubensinhalte und die damit verbundene Lebenspraxis zu gewinnen. „Multi- dimensional“ bedeutet im Fall von Paulus, dass dieses Engagement nicht auf die verbale Verkündigung beschränkt ist, sondern ein ganzheitliches und reziprokes Teilen von Leben umfasst, zu dem u.a. das gemeinsame Arbeiten und Essen, theologische Reflektion und Diskussion, ethische Unterweisung und die Erfah- rung von Geistesgaben und Wundern gehören (s. Punkt 2.). 1 Wie verhielt sich Paulus im „Dickicht der Städte“ seiner Zeit? Hatte er eine ausgeklügelte Strategie, mit deren Hilfe er einerseits möglichst viele Städte, und andererseits möglichst viele Menschen in diesen Städten nachhaltig erreichen wollte? Jörg Frey schreibt dazu: „Paulus ist der einzige urchristliche Missionar, 1 Für ein ganzheitliches Verständnis von „Mission“ haben sich in der jüngeren Forschung u.a. Dickson, Mission-Commitment, 10, und Barram, Mission, 175, ausgesprochen. Je- doch bleiben ihre Definitionen weitgehend bei der Beschreibung monolateraler missi- onarischer Aktivitäten stehen und übersehen die bilaterale Dynamik geteilten Lebens, wie sie zum Beispiel bei der Gemeindegründung in Korinth in der Zusammenarbeit mit Aquila und Priszilla zum Tragen kommt (Apg 18,2f.). in Reinhard von Bendemann und Markus Tiwald (Hgg.), Das frühe Christentum und die Stadt (BWANT 198; Stuttgart: Kohlhammer, 2012)