139 Ḫarrān als kulturelles Zentrum in der altorientalischen Geschichte und sein Weiterleben Von MELANIE GROSS Und Terach nahm seinen Sohn Abram und Lot, den Sohn Harans, sei- nes Sohnes Sohn, und Sarai, seine Schwiegertochter, die Frau seines Sohnes Abram; und sie zogen miteinander aus Ur, (der Stadt) der Chaldäer, um in das Land Kanaan zu gehen; und sie kamen nach Haran und wohnten dort. Genesis 11,31 Sowie die Stadt Ḫarrān in der heutigen Südosttürkei im Alten Testa- ment als Aufenthaltsort des Abraham hervorgehoben wird, so gewichtig war ihre Rolle als wirtschaftlicher, politischer und kultureller Knoten- punkt im Vorderen Orient in einem Zeitraum von mehr als 3000 Jahren, vom späten 3. Jt. v. Chr. bis ins 1. Jt. n. Chr. Bereits in Texten des 24. Jh. v. Chr. aus Ebla ist der Ortsname URU.KASKAL belegt, 1 der nichts anderes bedeutet als Weg, Karawane oder Wegstation (Sumerisch KASKAL = Akkadisch ḫarrānu, URU = Ortsdeterminativ) und auf die originäre Funktion der Stadt als Handelszentrum hinweist. Als Kreu- zungspunkt der Nord-Süd und West-Ost verlaufenden Handelsrouten, wie beispielsweise aus altassyrischen und altbabylonischen Texten hervorgeht, 2 war Ḫarrān nicht nur florierender Umschlagplatz für Wa- ren, sondern entwickelte sich zu einem der wichtigsten Kultzentren in altorientalischer Zeit und behielt diese Funktion, darüber hinaus, noch über mehr als 1000 Jahre bei. Die folgenden Ausführungen beschäfti- gen sich mit der Geschichte Ḫarrān’s als einstiges Kultzentrum des Mondgottes sowie der daraus erwachsenden politischen Bedeutung der Stadt, von der heute fast nur mehr mittelalterliche Ruinen Zeugnis ablegen. 1 Siehe Archi 1988. 2 Holloway 2002, S. 392.