WPK-Quarterly 15 II / 2011 Echtzeitmedien sind sie gegenüber den traditionellen Verbreitungswegen klar im Vorteil, und da sie keine Me- dienorganisation voraussetzen, räu- men sie der Kommunikation insgesamt mehr Freiheitsgrade ein. So bilden sich neue Beobachtungsposten der Gesellschaft heraus, jenseits der Mas- senmedien und des professionellen Journalismus. Auch die Wissenschaft gerät dabei ins Visier. Gleichzeitig macht die Wissenschaft selbst von den neuen technischen Möglichkeiten der Kommunikation Gebrauch. Der Streit um den Arsen-Artikel liefert interes- santes Material, um nach dem media- len Einluss auf die wissenschaftliche Kommunikation zu fragen. Ins Zentrum rückt dabei die Frage nach der Rolle wissenschaftlicher Zeitschriften im Me- dialisierungsprozess. Wo dürfen wissenschaftliche Kontroversen ausgetragen werden? Genau wie bei Hwang wurde im Zuge der aufkeimenden Kritik an den Ergebnissen von Felisa Wolfe-Simon et al. seitens der beteiligten Forschungs- institution NASA und der Autoren gefor- dert, die Klärung des Sachverhalts nicht den Medien zu überantworten. Gestrit- ten wurde hierbei aber nicht um legiti- gäbe sich statistisch ausgedrückt ein Zusammenhang von p=1.00. Er beträgt tatsächlich p=.85. Es muss also etwas geben, dass die- se Ähnlichkeiten erklärt. Akzeptiert man einzelne Untersu- chungen der Berichterstattung über Tschernobyl und besonders Harrisburg als geeignete Referenz, dann könnte sich darin etwas ausdrücken, dass für ein Merkmal der Berichterstattung über Risiken im Allgemeinen und Reaktorun- fälle im Besonderen gehalten wird: Die Berichterstattung orientiert sich stark an der Verlautbarungspraxis amtlicher Quellen. Die Ähnlichkeiten im Verlauf der Kurven deuten darauf hin, dass die japanische Regierung mindestens im Kampf gegen die publizistische Kern- schmelze sehr erfolgreich war. Kurz vor Weihnachten 2005 mach- ten sich namhafte Stammzellforscher in einem gemeinsamen Brief, abge- druckt in Science, dafür stark, die Auf- klärung der Fälschungsvorwürfe ge- gen den Klonforscher Hwang Woo Suk nicht in den Medien auszutragen, son- dern der Wissenschaft zu überlassen. Ein Whistleblower hatte zuvor Informa- tionen an den koreanischen Fernseh- sender MBC gespielt. Sie beinhalteten Hinweise auf wissenschaftliche Unge- reimtheiten eines Science-Artikels, der von der Generierung patientenspezii- scher Stammzellen handelte und sie betrafen die Angaben zur Praxis der Eizellspende in dem ersten Science- Papier der Arbeitsgruppe um Hwang. Redakteure des TV-Magazin PD Note- book machten den Betrugsverdacht schließlich öffentlich, und zwar nach- dem die Ergebnisse eines genetischen Tests der Zellen vorlagen, den sie ei- gens in Auftrag gegeben hatten. Das Ende der Geschichte ist bekannt: Die von der Universität Seoul beauftragte Untersuchungskommission bestätig- te den Verdacht der Datenfabrikation, Science zog daraufhin beide Artikel zurück. Medien aller Welt begleiteten Hwang’s Aufstieg zum „König des Klo- nens“, aber sie sorgten auch für seinen Untergang. Inzwischen hat sich die Medienland- schaft verändert. Mit der zunehmen- den Verbreitung des „Jedermann-Jour- nalismus“ (Gerd Blank) in Form von Blogs und Tweets werden die klassi- schen Medien herausgefordert, so das Thema des letzten WPK-Quarterly. Als me Sprecherrollen – Wissenschaftler vs. Journalisten – , sondern vor allem um den richtigen Austragungsort, wis- senschaftliche Fachzeitschriften vs. Science Blogs. Damit ging es um eine Grenzziehung zwischen formeller und informeller wissenschaftlicher Kommu- nikation, denn zu den Bloggern gehör- ten in diesem Falle Fachkollegen, die ihre Kritik online vorbrachten. Aber kurz zur Erinnerung: Was hat- te es mit dem Arsen-Papier auf sich? Ende November 2010 wartete die NASA mit einer sensationellen Entde- ckung auf, die sie für eine Pressekonfe- renz folgendermaßen ankündigte: „This inding of an alternative biochemistry makeup will alter biology textbooks and expand the scope of the search for life beyond Earth.“ Diese Nachricht erzeug- te, wie kaum anders zu erwarten, eine außerordentlich hohe Resonanz. Die ganze Welt spekulierte über die Exis- tenz außerirdischen Lebens, bevor die Details der Studie überhaupt bekannt waren, denn der entsprechende Artikel wurde erst live zur Pressekonferenz am 2. Dezember in Science Express pub- liziert. Thema des Artikels war die Ent- deckung eines Bakteriums, das Arsenat statt Phosphat in seiner DNA bindet. Sofort nach der Online-Veröffentlichung wurde Kritik an der methodischen Sorg- falt der Ergebnisse laut, und zwar nicht in den klassischen Printmedien oder in den wissenschaftlichen Publikations- organen, sondern zunächst in Blogs. Von dort wurde eine wissenschaftliche Kontroverse ausgelöst und geführt, die inzwischen in Science nachzulesen ist. ] Fälschungen und Übertreibungen in renommierten Zeitschriften werfen ein Schlaglicht auf die Auswahlroutinen von wissenschaftlichen Zeitschriften. Eine Analyse. Von Martina Franzen Medien und ihre Resonanzeffekte in der Wissenschaft Kernschmelze semantisch verknüpft sind, zeigen nahezu identische Aus- schläge im Verlauf von sechs Wochen. Mit anderen Worten: Gelegentlich mit einem Vorlauf oder einer Verzögerung von einem Tag steigt und fällt die Be- schäftigung der amerikanischen Pres- se mit der Kernschmelze fast genau so wie die der deutschen. Wäre der Verlauf der Kurven völlig identisch, er-