46 Christopher Wallbaum Stürze in die Natur Eine These zu Musik und musikalischer Bildung Vorbemerkung Mit Stürze in die Natur meine ich weder die Aufforderung, dass zum Beispiel ein Stadtmensch nach der Berührung durch ein Musikstück unverzüglich, vielleicht mit wehendem Mantel aus dem Konzertsaal, Haus oder Auto hinaus in den Wald, die Heide oder sonst ein Stück Natur stürzen soll, noch ein Straucheln und Stürzen auf einem Waldspaziergang, also in der Natur. Das Wort »Natur« kann vieles bedeuten. Ich meine hier mit Natur Zweierlei: erstens alltägliche Natur als objekthaftes Gegenstück zu musikalisch- künstlerischen Artefakten, also zum Beispiel alle Arten von Umwelt wie Land-, Wasser- oder Stadt, 1 und zweitens ästhetische Natur, d.h. ein Erscheinen der Welt in ästhetischen Vollzügen. Wenn man dem Grundgedanken zustimmt, dass Musik ein Stürzen in ästhetische Natur ermöglichen, darstellen oder auch anstoßen soll, dann steckt darin logisch weiter gedacht nicht nur ein Begriff von Musik, sondern auch ein Telos von musikalischer Bildung. Beides hier einmal darzustellen, ist meine Absicht. Russolos achte These zur Geräuschkunst im Musikunterricht Der Grundgedanke des »Stürze in die Natur«-Modells entstand aus meiner Beschäftigung mit Luigi Russolos achter These aus seinem Brief über die Geräuschkunst (1913). Er schreibt: Wir fordern deshalb die jungen und begabten Komponisten auf, aufmerksam alle Geräusche zu beobachten, um die verschiedenen Rhythmen, aus denen sie bestehen, ihren Hauptton und ihre Nebentöne, herauszuhören. Wenn sie dann die verschiedenen Klangfarben der Geräusche mit den Klangfarben der Töne vergleichen, werden sie feststellen, dass die ersten sehr viel zahlreicher sind als die zweiten. Das hilft uns nicht nur zum Verständnis der Geräusche, sondern vermittelt uns auch den Geschmack an ihnen und die Leidenschaft für sie. Nachdem unsere vervielfältigte Sensibilität futuristische Augen bekommen hat, wird sie endlich auch futuristische Ohren haben. Dann können wir die Motoren 1 Dieser Naturbegriff umfasst also unterschiedslos, was einige Autoren als erste und zweite Natur unterscheiden (z.B. Sabine Sanio: Musik Natur Wirklichkeit, in: Jörn Peter Hiekel und Manuel Gervink (Hrsg.): Klanglandschaften. Hofheim 2009, S. 31-44, hier S. 38 oder Albrecht von Massow: Erste und zweite Natur in Musik, in: Hiekel/Gervink (Hrsg.) a.a.O., S. 91-98, hier S. 91f. Zum Naturbegriff vgl. auch Martin Seel: Eine Ästhetik der Natur. Frankfurt/M 1991. Die erste Fassung dieses leicht überarbeiteten Texts wurde veröffentlicht in: Jörn Peter Hiekel (Hg.): Berührungen. Über das (Nicht-) Verstehen von Neuer Musik. (= Veröffentlichungen des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung Darmstadt, Bd. 52) Mainz (Schott) 2012, S. 46-56