GottenPlag-Wild und Journalismus Das Verhältnis eines neuen Medienakteurs im Social Web zu den traditionellen Massenmedien Julius Reimer, Max Ruppert Im Februar 2011 besuchten innerhalb weniger Tagetausende Internet-Nutzer die Seiten des GuttenPlag- Wiki und formten so ein neues kollaboratives Phänomen im Social Web. Das Ziel der Plattform war die öffentliche Dokumentation von Plagiatsstellen in der Dissertation des damaligen Verteidigungsministers Karl- Theodor zu Guttenberg. Die freiwillige Zusammenarbeit der Nutzer war in dieser Form und mit diesen Folgen etwas vollkommen Neues: Bis zu zwei Millionen Seitenabrufe pro Tag verzeichnete de.guttenplag.wikia.com in der Spitzenzeit (siehe Abschnitt 3.2). Und im Vergleich zu verwandten Phänomenen hatte die kollektive Initiative zur Plagiatssuche gravierendere Auswirkungen: Selbst die weltweit bekannte Plattform WikiLeaks hatte durch die Veröffentlichung von Tausenden geheimen Dokumenten bis dahin nicht zum Sturz eines Ministers ge- führt. Dagegen musste zu Gurtenberg bereits zwei Wochen, nachdem das Wiki seine Arbeit aufgenommen hatte, zurücktreten. Weber (2011: 180) bezeichnet das GuttenP/ag-Wiki daher als "Symbol einerneuen Macht im Internet". Die Netzaktivisten übernahmen dabei Arbeiten wie Recherche, Einordnung und Darstellung, die sonst von professionellen Journalisten erbracht werden. Diese Situation wurde in den Redaktionen teilweise als Wettbewerb interpre- tiert: "Das entwickelt eine große Kraft, einen ,Wumm', da können wir nicht mithalten", sagte etwa Hauke Janssen, Leiter der Spiegel-Dokumentationsabtei- lung (Interview mit Hauke Janssen, 10.3.2011). Doch wie genau lässt sich das Verhältnis des neuen Medienakteurs zum Journalismus beschreiben? Wie positionieren sich die Akteure zueinander? Die- sen Fragen wollen wir durch eine aufmerksamkeitsökonomische Analyse und eine systemtheoretische Einordnung des GuttenP!ag-Wiki nachgehen. Die Nut- zung zweier theoretischer Perspektiven soll dabei helfen, möglichst viele Facet- ten der Beziehungen zwischen den Akteuren in der (Netz-)Öffentlichkeit zu be- leuchten. Dabei stützen wir uns auch auf die Ergebnisse einer Online-Befragung unter 1.034 Nutzern des Wiki im Februar 2011 (Ruppert/Reimer 2011). Zuvor gehen wir kurz auf die Besonderheiten einer solchen ,Spontanforschung' ein, die Erkenntnisse über eine ad hoc auftretende Initiative im Netz gerade erst er- möglicht.