Klaus Corcilius 8. AKRASIE BEI ARISTOTELES: DIE ERSTE APORIE 1. Einleitung 1 Aristoteles untersucht im siebten Buch der Nikomachischen Ethik unter dem Titel ‚Akrasie‘ 2 eine ganze Reihe von Problemen (insgesamt sechs Aporien), zu denen nur unter anderem auch das in der ersten Aporie behandelte Problem des Handelns angesichts besseren Wissens zählt. Auf dieses Problem der sogenannten ‚schwachen‘ Akrasie möchte ich mich hier konzentrieren. Ich werde dabei die Deutung vorschla- gen, die mir am einfachsten zu sein scheint. Sie führt sich auf eine bestimmte Auf- fassung von der argumentativen Struktur der relevanten Textabschnitte zurück (EN 1145b21–1146a9 und 1146b8–1147b20), für die ich an dieser Stelle nicht mehr anführen kann als ihre Einfachheit und den Umstand, dass sie den Text ohne Ände- rungen und gezwungen wirkende Übersetzungen zu verstehen erlaubt: Aristoteles formuliert seine Fragestellung, indem er von dem Sokratischen Problem der Akrasie ausgeht. Er übernimmt dessen Fragestellung aber nicht, sondern kritisiert sie, um so zur Formulierung seiner eigenen Fragestellung zu gelangen. Er stellt zwei Fragen, die er der Reihe nach beantwortet: 1. Handelt es sich bei dem Wissen des Akratikers um Wissen? 2. Um welche Weise des Wissens handelt es sich? Dabei geht er so vor, dass er die erste Frage in einem Anlauf beantwortet. Die zweite Frage beantwortet er in vier Anläufen, von denen sich die ersten drei vom vierten unterscheiden. Die verschiedenen Lösungen der Fragen bauen nicht aufeinander auf. Sie stellen jede für sich eigenständige Antworten dar, von denen erst zum Schluss die letzten beiden miteinander verbunden werden. Vorgehen: Mir ist an der Darstellung der Aporie in ihrem argumentativen Zu- sammenhang gelegen. Ich werde hier daher den gesamten relevanten Text übersetzt abdrucken und in Abschnitte einteilen, die Stück für Stück kommentiert werden. Dabei werde ich versuchen, mich allein auf den Text von EN VII zu stützen, ohne spezielle Annahmen zur Aristotelischen Handlungstheorie außerhalb der Nikoma- chischen Ethik vorauszusetzen. Aus Platzgründen muss eine ausdrückliche Ausein- andersetzung mit der Sekundärliteratur leider ausbleiben. Gleiches gilt für einen (eigentlich erforderlichen) ausführlicheren Vergleich des Aristotelischen mit dem 1 Ich danke allen Teilnehmern der Tagung. Ich habe versucht, im Text auf ihre Anregungen und Kritik einzugehen. Besonders danken möchte ich Philipp Brüllmann, Benjamin Kiesewetter und Christof Rapp. 2 Ich verzichte auf eine Übersetzung, um inhaltliche Festlegungen zu vermeiden. Aristoteles er- klärt das Wort über seine Etymologie: „(…) ‚selbstbeherrscht‘ (ejgkrathv~) und ‚unbeherrscht‘ (ajkrathv~) wird ausgesagt, um dadurch das Herrschen (kratei`n) bzw. nicht (Herrschen) der Vernunft (nou`~) zu bezeichnen (…)“ (EN 1168b34f.).