Erfassung des Pubertätsstatus und der Körperzufriedenheit in der Adoleszenz Papachristou S. & A., Clodius S., Wiedau S. & Watzlawik M.; TU Braunschweig 1. Einleitung: Zur Bestimmung des körperlichen Entwicklungsstandes in der Pubertät (Pubertätsstatus) stehen zahlreiche me- dizinische Verfahren zur Verfügung (Messung des Hormonspiegels, etc.). Physische Veränderungen stehen während der Pu- bertät in engem Zusammenhang mit psychischen Veränderungen. Beschäftigt man sich aus psychologischer Sicht mit Entwick- lungsvorgängen in diesem Zeitfenster, ist die Kontrolle körperlicher Veränderungen dementsprechend interessant und notwen- dig. Da medizinische Verfahren meist von medizinisch geschultem Personal, das bei psychologischen Untersuchungen oft nicht zur Verfügung steht, durchgeführt werden müssen, ist zu überprüfen, ob Fragebögen eine praktikable Alternative darstellen. 2. Überprüft wurden... a) die Gütekriterien der übersetzten und für den deutschen Raum angepassten Version der amerika- nischen Pubertal Development Scale (PDS) von Petersen et al. (1988); b) Geschlechterunterschiede in der Selbst- bzw. Fremdbeschreibung körperlicher Veränderungen und der damit verbundenen Körperzufriedenheit. 4. PDS: Umfasst jeweils 3 Kriterien. Für Jungen: Stimmbruch, Bartwuchs, Schambehaarung. Für Mädchen: Menarche, Brustwachstum, Schambe- haarung, die, bis auf die Menarche (eingetreten: ja/ nein), nach folgendem Muster abgefragt werden: 3. Stichprobe: 206 Kinder und Jugendliche (103 Geschwisterpaare; Durchschnittsalter bei erster Erhebung: 11,23; SD: 0,89) und deren Mütter. Die Kinder (107 Mädchen & 99 Jungen) und Mütter füllten die Bögen zur Selbst- und Fremdbeschreibung nach standardisierter Anweisung im Abstand von einem Jahr zweimal separat im häuslichen Kontext aus. 5. Reliabilität & Validität... wurden über die in- terne Konsistenz bzw. die Korrelation mit Außen- kriterien berechnet: å Müttereinschätzungen und å Pubertätsstatus bestimmt anhand von Skizzen (Morris & Udrey, 1980). Die Skizzen bieten vor allem visuelle, von Übersetzungen nicht betrof- fene Hinweise, anhand derer Kinder ihre körper- liche Entwicklung beurteilten: Skizzen für Mädchen: beurteilt werden Brustentwicklung (siehe Beispiel oben) & Schamhaarwuchs; Skizzen für Jungen: beurteilt werden Penisentwicklung & Schamhaarwuchs. 6.a) Ergebnisse: Gütekriterien * D: Mütterurteil; USA: Urteil von medizinischem Personal; ** D: Morris & Udry Skizzen; USA: Fotografien Quelle Skizzen: Morris, N.M. & Udry, J.R. (1980). Validation of a self-administered instrument to assess stage of adolescent development. Journal of Youth and Adolescence, 9 (3), 271-280. Quelle PDS: Petersen, A.C., Crockett, L., Richards, M. & Boxer, A. (1988). A self-report measure of pubertal status: reliability, validity, and initial norms. Journal of Youth and Adolescence, 17 (2), 117-133. 6.b) Ergebnisse: Geschlechterunterschiede (GU) Selbst- & Fremdeinschätzung: Mütter stimmen mit Mädchen in der Einschätzung des Pubertätsstatus eher überein als mit Jungen. Jun- gen schätzen sich selbst im Gegensatz zu ihren Müttern weiter in der Entwicklung ein, wie die folgenden Abbildungen verdeutlichen: Körperzufriedenheit : Zusätzlich zur PDS wurde zum einen abgefragt, ob die Kinder bzw. Jugendlichen mit ihrem Körper zufrieden sind und zum anderen, ob sie etwas an ihrem Körper verändern wollen. Signifikante GU zeigen sich wie folgt: *p< 0.05; ** p< 0.01; *** p< 0.001, Unterschiede überprüft anhand von Kreuztabellen 31,1 0,9 21,5 40,2 19,6 2,8 17,9 34,9 15,1 15,9 0 10 20 30 40 50 Präpubertär beginnende Pubertät mitten in der Pubertät fortgeschrittene Pubertät Postpubertär % Mütter Mädchen r= .69; p < 0,001 62,2 29,6 8,2 0 24 36,5 34,4 5,2 0 20 40 60 80 Präpubertär beginnende Pubertät mitten in der Pubertät fortgeschrittene Pubertät % Mütter Jungen r= .45; p < 0,001 7. Fazit: Reliabilität und Hinweise auf die Validität der PDS fallen zufriedenstellend aus. Mütter und ihre Töchter schätzen evtl. aufgrund leichter zu beobachtender Merk- male die körperliche Entwicklung ähnlicher ein als Mütter und ihre Söhne. Diese deutlichen Unterschiede ver- schwinden, wenn die Fremdeinschätzung durch medizi- nisches Personal durchgeführt wird (vgl. Daten aus USA). Mädchen sind zu beiden Messzeitpunkten mit ihrem Kör- per unzufriedener als Jungen, was bisherige Befunde be- stätigt. Dies äußert sich allerdings erst zum 2. Messzeit- punkt auch bei dem konkreten Wunsch, den Körper ver- ändern zu wollen.