Thomas Staubli Die kanaanäische Vegetationsfrömmigkeit und ihr Fortleben in Judentum, Christentum und Islam, in palästinischer Volkskultur und säkularer Staatsemblematik. Neue Einsichten aus der Ikonographie der Südlevante I. Zwei hermeneutische Vorbemerkungen 1 I.1 Kanaan als eigenständige Hochkultur Die Beschäftigung mit den Kulturen und Geistesbewegungen, die aus Kanaan her- vorgegangen sind, war immer ein hauptsächlich von TheologInnen bzw. Alttesta- mentlerInnen oder ReligionswissenschaftlerInnen betriebenes Geschäft. 2 Das hatte – insbesondere im evangelischen Bereich ab dem Aufkommen der dialektischen Theologie als Gegenposition zur liberalen Theologie – ein bibliozentrisches, Israel- fixiertes, bilderfeindliches Vorgehen mit oftmals christlich-theologisch verengtem Blickwinkel zur Folge. 3 Anders als in der Ägyptologie, der Hethitologie, der As- syriologie und der klassischen Antikenwissenschaft wurden die Hinterlassenschaf- ten aus Kanaan weniger gleichberechtigt und wertfrei ins Puzzle der historischen Kulturrekonstruktion eingefügt, sondern durch eine antikanaanäische Brille gefil- 1 Am Ende meines Vortrages „Die Pflanzenwelt in der Ikonographie der Südlevante“ in Koblenz wurden einige sehr grundsätzliche Fragen gestellt. Meine damals extemporierten Antworten finden sich hier in etwas erweiterter Form als hermeneutische Vorbemer- kungen. Auch im Rahmen dieses Aufsatzes sind natürlich nur knappe Hinweise zu diesen großen Themen möglich. Für die Einladung nach Koblenz anlässlich der dortigen Bundes- gartenschau 2011 danke ich Prof. Michaela Bauks. 2 Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Eigene Lehrstühle für Ugaritologie bzw Ugaritistik oder Archäologie der Levante sind äußerst rar (vgl. z.B. The Oxford Levantine Archaeology Laboratory des Oxford Centre for Hebrew and Jewish Studies). Einen Lehrs- tuhl für Kanaanologie gibt es m.W. nicht. 3 Exemplarisch lässt sich der Umschwung von der kulturell offenen liberalen Theologie zur bibliozentrischen dialektischen Theologie am sog. Babel-Bibel-Streit ablesen, der einen kirchlichen Konservativismus an den Tag brachte, „der angesichts veränderter biblischer Horizonte an einem starren Offenbarungsbegriff festzuhalten versuchte“ (Lehmann 1994, 273), also den Mut nicht aufbrachte, den Tatsachen in die Augen zu sehen. Dasselbe Pro- blem äußert sich heute drastisch in der Auseinandersetzung zwischen fundamentalistischen Kreationisten, die sich selber „Schöpfungswissenschaftler“ nennen, und Evolutionisten. Zum Ganzen Keel/Schroer 2008 2 , 15-22.