1 Rebecca Gutwald - ENTWURF: Keine Zitierung ohne Erlaubnis durch die Autorin - Im Erscheinen, in Lebensqualität in der Medizin, Lutz R., Kipke R., Kovacs L. (Hrsg.), Kohlhammer 2015 Der Capability Ansatz als Grundlage für die Beurteilung von Lebensqualität in der Medizin Traditionell liegt die Zielsetzung der Medizin darin, auf die Gesundheit von Menschen positiv einzuwirken (Beauchamp und Childress 2001). Die Beseitigung von Krankheit, verstanden als Abweichung von der biologischen Norm wurde lange als vorherrschendes Ziel der Medizin begriffen. Es finden sich auch heute noch viele Anhänger dieses sog. biomedizinischen Modells (z.B. Boorse 1977), welches auch für viele Belange der Medizin geeignet scheint. Knochenbrüche, Krebs oder Wunden können damit recht eindeutig als Krankheiten definiert werden. Überlegungen zur Lebensqualität anstatt oder zusätzlich zur Idee der Heilung werden in der Medizin immer relevanter. So hat es der technische Fortschritt möglich gemacht, Menschen auch bei schweren Krankheiten oder Verletzungen noch lange am Leben zu erhalten sowie chronische Krankheiten so zu behandeln, dass der Patient länger und evtl. wenig eingeschränkt damit leben kann (Nordenfelt 1994). Bei medizinischen Behandlungen in diesem Bereich steht nicht im Vordergrund, wie man diese Menschen heilt, sondern wie man die Qualität ihres Lebens beurteilt und welche Konsequenzen man daraus zieht. Mein Beitrag beschäftigt sich mit den konzeptuellen Grundlagen der philosophischen Idee von Lebensqualität in der Medizin. Ich betrachte das Thema aus dem Blickwinkel des sog. Capability Ansatz von Amartya Sen (im Folgenden mit CAabgekürzt). Ziel meines Papers ist es damit, zu untersuchen, wie man die Perspektive des CA auf die Diskussion der Lebensqualität in der Medizin richtet und warum es lohnenswert ist, dies zu tun. Der CA stellt die elementare Frage, welche Aspekte des menschlichen Lebens man beurteilen sollte, wenn man Lebensqualität fragt. Dies ist oft in der Literatur zur Lebensqualität wenig geklärt, da Theorien und Messverfahren sich stärker auf die inhaltliche Identifikation von konkreten Dimensionen von Lebensqualität konzentrieren (z.B. subjektives Wohlbefinden oder ökonomisches und soziales Wohlergehen, Fagot-Largeault 1994). Die konzeptuelle Vorklärung der evaluativen Perspektive ist jedoch aus meiner Sicht höchst relevant, weil sie ausschlaggebenden Einfluss auf die praktische Anwendung in der Erfassung von Lebensqualität hat. Die Perspektive des CA ist aus meiner Sicht für die Lebensqualitätsforschung nicht nur wichtig und attraktiv, weil sie gerade diese philosophische Vorklärung liefert. Ebenso ist sie attraktiv, weil sie den Blick darauf richtet, was ein Mensch tun und sein kann in seiner individuellen Situation, welche von diversen Faktoren wie Alter, Geschlecht, Talenten sowie von sozialer Situation und Umwelt bestimmt sind. So sieht der CA den Menschen als aktives Wesen, das sein Leben selbst gestaltet und die relevanten Voraussetzungen benötigt. Ich glaube, dass der CA damit der normativen Idee Rechnung trägt, die hinter unserem Interesse an Lebensqualität steht: wir wollen wissen, wie ein Mensch ein gutes Leben führen kann. Zudem ist die Rolle des CA für die Bestimmung von Lebensqualität in der Medizin überraschend wenig erforscht (Law und Widdows 2008), womit sie eine Untersuchung auch für die Fortentwicklung des Ansatzes lohnt.