BLAISE BACHOFEN Logische Genesen, geschichtliche Anfänge, Begründungen im Recht: Figuren des Ursprungs und der Grundlegung bei Rousseau Eine große Zahl der Texte Rousseaus können als ‚Ursprungserzählungen‘ bezeich- net werden. Dies gilt insbesondere für autobiographische Texte, die sich die Rekon- struktion von Begebenheiten zum Gegenstand machen, mit denen sich die Rich- tung von Rousseaus Lebensweg geändert hat. Einer der charakteristischen Züge dieser Erzählungen ist es, dass sie den zeitlichen Hintergrund in ein absolutes ‚Vor‘ und ein ebensolches ‚Nach‘ einteilen, sowie dass sie das tragische Zeichen der Un- umkehrbarkeit tragen. Diese Fabelkompositionen zielen darauf ab, die Frage nach den Umständen und den Verantwortlichen für diese Umbrüche völlig aufzuklären. Der Ausdruck ‚Fabelkomposition‘, im Französischen ‚mise en intrigue‘, den ich für die Beschreibung dieser autobiographischen Erzählungen verwendet habe, stammt ursprünglich von Paul Ricœur, der ihn in Zeit und Erzählung für seine Analyse des Begriffs der ‚Erzählung‘, insbesondere der historischen Erzählung, ge- braucht. 1 Die Erzählung wird immer in der Spannung zwischen zwei Arten von Logik gehalten: Auf der einen Seite die Logik der Wahrheit, die ans Tageslicht ge- bracht werden muss und deren Authentizität durch die Ausführlichkeit der Narra- tion, durch die Offenbarungen und Schriftstücke belegt ist – es sind zum Beispiel bei Rousseau die im autobiographischen Text abgeschriebenen Briefe –, auf der anderen Seite die Urteilslogik, welche in der Komplexität eine Trennlinie zeichnet, die einen rechtfertigen, die anderen verurteilen will, was nur um den Preis einer Einmischung von Fiktion in die Erzählung erreicht werden kann. Ricœur macht eine solche Vermischung der Gattungen in der Arbeit eines jeden Historikers aus. Nun wird so etwas beispielhaft in den autobiographischen Texten Rousseaus dar- gestellt, die von den kleinen und großen Unglücken erzählen, von den Zerwürfnis- sen mit den zu Feinden gewordenen Freunden, und die, indem sie bestimmte Er- eignisse dramatisieren oder bagatellisieren und andere gelegentlich bis zur bloßen Erdichtung überzeichnen, die Verzerrungen der Subjektivität begünstigen. Ausgehend vom Begriff der ‚Fabelkomposition‘ könnte man versucht sein, das hier behandelte Thema mit dem Ziel zu erörtern, die Ursprungserzählungen zu un- tersuchen, so wie sie im Ganzen von Rousseaus Werk vorkommen, auch in anderen Typen von Werken, in denjenigen, die sich auf den Ursprung und die Grundlagen gesellschaftlicher und politischer Institutionen beziehen. In diesen Werken lassen 1 Vgl. Paul Ricœur, Zeit und Erzählung, Bd. 1: Zeit und historische Erzählung, aus dem Französi- schen von Rainer Rochlitz, München, Fink 1998, Teil 1, Kap. II, S. 54-86. F5266 Delhom.indd 19 F5266 Delhom.indd 19 14.05.12 14:02 14.05.12 14:02