Bauen nach der Krise Die Spoliengalerie an der Apsis der Apostelkirche von Anazarbos 1 Iris Engelmann / Philipp Niewöhner Studiert man im Rahmen von Archäologie und Kunstgeschichte die materielle Hinterlassenschaft, wird man eine Krise typischerweise dann ausmachen, wenn wenig hervorgebracht und hinterlassen wurde und statt dessen Verfall und Zer- störung überwogen. Zerstörungsgeschichte lässt sich jedoch nur selten rekons- truieren. Häufiger markiert ‚Krise‘ eine Leerstelle, die sich Archäologie und Kunstgeschichte aus methodischen Gründen nicht erschließt. Die mit der Christianisierung des römischen Reichs verbundene Krise der alten Kulte stellt in vielerlei Hinsicht eine solche Leerstelle dar. Nur in seltenen Fällen sind Einzelheiten darüber bekannt, auf welche Weise die alten Kulte ab- gelöst und der neue an ihrer Stelle etabliert wurden 2 . Aus Anazarbos, der Metro- pole der Provinz Kilikia II, ist nichts dazu überliefert 3 , obwohl die bedeutende Stadt etliche Tempel besessen haben muss 4 , die durch zahlreiche Kirchen ersetzt wurden 5 . In einem Fall lassen die Ergebnisse neuer Feldforschungen jetzt jedoch den Schluss zu, dass der Vorgang tatsächlich krisenhafte Züge hatte. Es geht um die Apostelkirche von Anazarbos und darum, wie man an diesem zentralen Kultbau der christlichen Stadt mit dem antiken Erbe umging. Die Ver- wendung diverser antiker Bauglieder für Bau und Dekoration der Kirchenfassa- den setzt nicht nur voraus, dass es in der frühbyzantinischen Stadt etliche Ruinen gab. Die Art und Weise, wie die Spolien zum Einsatz kamen, lässt auch erkennen, dass es zuvor zu einem radikalen Bruch mit der antiken Bautradition gekommen sein muss, wie ihn wohl nur eine Krise herbeigeführt haben kann. Um dies dar- zustellen, wird der Befund in der Folge zunächst beschrieben und dann kunst- historisch eingeordnet. 1 „Die Spoliengalerie an der Apsis der Apostelkirche von Anazarbos“ wurde von R. Posamentir entdeckt bzw. in ihrer Bedeutung erkannt, Posamentir 2008, 92 f., von I. Engelmann aufgenommen und von P. Niewöhner bei dem Mainzer Symposium zu Krise und Kult vorgestellt. I. Engelmann bereitet eine größere Arbeit zur Spolienver- wendung an der Apostelkirche vor. 2 Mitchell 1993; Trombley 1994. 3 Hild – Hellenkemper 1990, 179. 4 Posamentir – Sayar 2006, 322 (Zeus, Hera und Mars-Höhle). 338 (Aphrodite-Altäre). 339 (Aphrodite-Tempel?). 340 (Zeus-Heiligtum). 344 f. (sog. großer Tempel). 5 Hild – Hellenkemper 1990, 182; Posamentir – Sayar 2006, 334–337. 339. 344. AUTHOR’S COPY | AUTORENEXEMPLAR AUTHOR’S COPY | AUTORENEXEMPLAR