Renato G. Mazzolini N ationale Wissenschaftsakademien im Europa des 19. J ahrhunderts l. In einem Entwurf fiir das akademische Reglement, der im spaten 18. Jahrhundert abgefaSt wurde, charakterisiert der savoische Kardinal Hyacinthe-Sigismond Gerdil die Beziehungen von Wissenschaftsakade- mien und Universitaten wie folgt: »Ce n'est pas qu'il y ait aucune véri- table opposition entre l'esprit des Académies et celui des Universités; ce sont seulement des vues differentes. Les Universités sont établies pour enseigner les sciences aux élèves qui veulent s'y former; les Académies se proposent de nouvelles recherches à faire dans la carrière des sciences.« 1 Im Vorwort des 1852 erschienenen On the Scope and Nature of University Education, das spater in The Idea of a University umbenannt werden solite, zitierte John Henry Newman zustimmend diese Textstelle des Kardinals. Seiner Meinung nach war die Unterscheidung von Aka- demien und Universitaten eine notwendige intellektuelle Arbeitsteilung zwischen Entdeckung (discovery) und Unterricht (teaching), und er schloB mit folgenden Worten: »while teaching involves extemal enga- gements, the natural home for experiment and speculation is retire- ment«.2 Dennoch, wenn die beiden Bilder- die Universitat als Ort passiver, disziplinierter und kontrollierter Vermittlung von Wissen und die Aka- demie als Ort der isolierten wissenschaftlichen Kreativitat, wo das Wis- sen nur von Kompetenten an andere Kompetente weitergegeben wird - vielleicht einige lokale Gegebenheiten des 18. Jahrhunderts approxima- tiv adaquat beschreiben, so sind sie fiir das 19. Jahrhundert inadaquat und irreftihrend. Ich glaube sogar, daB diese Bilder schon damals, zu Zeiten von Gerdil und Newman, die zeitgenossische Situation nicht zutreffend beschrieben haben. 1 Hyacinthe-Sigismond Gerdil: Opere edite ed inedite. 20 Bde. Rom 1806-1821, Bd. 3, s. 353. 2 John Henry Newman: The Idea of a University. Hg. von I. T. Ker. Oxford 1976, S. 8.