Journalismusforschung als Integrationsdisziplin Thomas Hanitzsch/Sven Engesser 1 Einführung Journalismusforschung als Integrationsdisziplin zu beschreiben, entbehrt in man- cherlei Hinsicht nicht einer gewissen Ironie. Historisch betrachtet bildete die Journalismusforschung die Keimzelle einer Zeitungswissenschat, aus der sich später die Publizistik- und eine moderne Kommunikationswissenschat entwi- ckelt hat. Die Auseinandersetzung mit den Funktionen und Leistungen von Jour- nalismus, den Charakteristika von Journalisten, den durch sie produzierten pu- blizistischen Inhalten und – beginnend in den 1940er Jahren – die Wirkungen journalistischer Inhalte auf das Publikum standen im Kern einer Auseinanderset- zung, die ihre Wurzeln in verschiedenen Wissenschatsdisziplinen hatte: insbe- sondere in der Soziologie, Psychologie und Politikwissenschat. Kurz gesagt: die Journalismusforschung war eigentlich immer schon essenziell eine Integrations- disziplin, die ihr intellektuelles Potenzial aus „benachbarten“ Wissenschatsdiszi- plinen nährte. Seit der Frühzeit der Publizistikwissenschat hat sich freilich einiges geän- dert. Die zeitungswissenschatlich geprägte Publizistikwissenschat war im Kern eine Journalismusforschung. Mit dem Aufkommen der Persuasionsforschung in den 1940er Jahren und einem gestärkten Interesse an Propaganda setzte eine ar- beitsteilige Ausdiferenzierung des Faches ein, die schließlich dazu geführt hat, dass sich die Journalismusforschung ein eigenes Proil geben musste. Die fach- liche Ausdiferenzierung riss zudem Gräben innerhalb der Kommunikationswis- senschat auf, die ot den Grenzen der benachbarten Disziplinen folgten: Die psy- chologisch inspirierte Persuasionsforschung interessierte sich insbesondere für Medienwirkungen auf Individuen; die soziologisch aufgerüstete Massenkommu- nikationsforschung beschätigte sich mit dem Prozess der Herstellung von jour- nalistischen Medienaussagen; und die politikwissenschatlich motivierte Publizis- M. Karmasin et al. (Hrsg.), Kommunikationswissenschaft als Integrationsdisziplin, DOI 10.1007/978-3-531-19016-7_8, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2014