Ist Kant ein Kompatibilist? Jochen Bojanowski Zu den Grundproblemen der Debatte um die Willensfreiheit gehört auch das Kom- patibilitätsproblem: Ist Willensfreiheit mit dem Determinismus vereinbar? Auf die- ses Problem scheint es genau zwei mögliche Reaktionen zu geben: die verneinende und die bejahende. Die Vertreter der bejahenden Reaktion werden Kompatibili- sten genannt, weil sie die beiden Thesen ›der menschliche Wille ist frei‹ und ›der menschliche Wille ist determiniert‹ für kompatibel halten. Die Vertreter der vernei- nenden Reaktion werden Inkompatibilisten genannt, weil sie davon überzeugt sind, dass beide Thesen sich gegenseitig ausschließen. Der Inkompatibilist behauptet daher: Der menschliche Wille ist nur dann frei, wenn er nicht determiniert ist. Kant geht es nach eigener Aussage in der Auflösung der Freiheitsantinomie um die »Vereinigung« von Natur und Freiheit (B 566). Deshalb ist es prima facie nahe- liegend, Kant als einen Kompatibilisten zu bezeichnen. Andererseits ist der Frei- heitsbegriff, den er in Anspruch nimmt, dezidiert inkompatibilistisch, so dass es auch einen guten Grund gibt, Kant einen Inkompatibilismus zuzuschreiben. Mit der Frage, ob Kant ein Kompatibilist sei, wendet man sich also dem grundsätzlichen Problem zu, wie genau seine Behauptung zu verstehen ist, dass »dieselbe Hand- lung« zugleich »ganz frei« sein und unter der »unvermeidlichen Naturnothwendig- keit« stehen kann (V 95; Hervorhebung J. B.). Kant im Rahmen der gegenwärtigen Systematik zu verorten, hat seinen Interpreten große Schwierigkeiten bereitet. In der Kantliteratur wird Kant nicht nur als Inkompatibilist (Allison 1990), sondern auch als Kompatibilist (Meerbote 1984a und b; Hudson 1994; Horstmann 1997; Horn 2002), ja sogar als Kompatibilist von Inkompatibilismus und Kompatibilismus bezeichnet (Wood 1984). Ich möchte hier der Frage nachgehen, wo man Kants Theorie im Rahmen der ge- genwärtigen Debatte zu verorten hat. Dazu möchte ich zunächst dafür argumentie- ren, dass man Kant einen inkompatibilistischen Freiheitsbegriff zuschreiben muss, der sich gegen den kompatibilistischen Standardeinwand – das Zufallsargument – widerspruchsfrei explizieren lässt. Gleichwohl will Kant seinen Determinismus nicht aufgeben. Das hat Anlass dazu gegeben, Kant als einen Kompatibilisten zu verstehen. In einem zweiten Schritt möchte ich zeigen, warum keiner der Kompa- tibilismen, die man Kant zugeschrieben hat (klassischer Kompatibilismus, Meta- kompatibilismus und Davidsons anomaler Monismus), seine Theorie angemessen repräsentiert. Schließlich möchte ich dafür argumentieren, dass Kants Determinis- mus nicht in der Weise deterministisch ist, dass er die Möglichkeit eines inkom-