Manuskript, erschienen in: Marie Lessing, Dorothee Wieser (Hg.): Zugänge zu Metaphern – Übergänge durch Metaphern. Kontrastierung aktueller Perspektiven, München 2013, S. 29–42. 1 Spannungen, Brüche und Nähte im Gewebe der Sprache: Untote Metaphern als philo- sophisches und methodisches Problem Alexander Friedrich Auf dem Gebiet der historischen Metaphernforschung hat man es oft mit einem Phäno- men zu tun, das immer wieder ein theoretisches Ärgernis oder zumindest einen umstritte- nen Problemfall darstellt: die tote Metapher. Denn was zu einem zentralen Gegenstand metaphorologischer Studien und lexikographischer Darstellungen avanciert ist, lässt sich mit den üblichen Metapherntheorien in der Regel gar nicht fassen. Darin bekundet sich nicht nur ein theoretisches Defizit, sondern auch ein methodisches Problem der Meta- phernforschung, insbesondere dann, wenn ein bestimmtes Fokuswort im Laufe seiner Ge- schichte wiederholt Prozesse der Metaphorisierung, Lexikalisierung und Re-Metaphori- sierung durchläuft. Man denke etwa an architektonische oder organische Metaphoriken, die Metaphern der Wege und Gewebe, der Kreisläufe und Maschinen, der Oberflächen und Tiefen, usw. Weil sie nicht nur in theorie-, sondern auch in alltagssprachlichen Zu- sammenhängen vorkommen, ist es nicht immer leicht zu entscheiden, wann es sich dabei um lebendige, tote oder überhaupt keine Metaphern mehr handelt. Um diesem Problem metapherntheoretisch als auch forschungspragmatisch beizukom- men, eröffnen sich zunächst drei Möglichkeiten. Erstens, man behandelt tote und lebendi- ge Metaphern gleichwertig: auf die Gefahr hin, ihren konstitutiven Unterschied und spezi- fischen Status zu verkennen. Zweitens, man schließt tote Metaphern methodisch aus: auf die Gefahr hin, ein wesentliches Phänomen der Sprach- und Metapherngeschichte auszu- blenden. Oder drittens, man findet einen Weg, die Opposition von toter und lebendiger Metapher durch ein Modell zu ersetzen, das graduelle Zwischenstufen zulässt, um die Nachteile der beiden ersten Möglichkeiten zu vermeiden: doch auf das Risiko hin, das sich mit entsprechend komplexeren Differenzierungen verbindet. Während die meisten Metapherntheorien einen der erstgenannten Ansätze präferieren, steht ein explizites Modell für die dritte Möglichkeit bisher aus. Wenn es im Folgenden darum gehen soll, einen Weg vorzuschlagen, auf dem man zu einem solchen Modell ge- langen könnte, so möchte ich von dem neuralgischen Punkt der verbreiteten Alternative ›Substitutions- vs. Interaktionstheorie‹ ausgehen: der toten Metapher; denn in ihrer Pro- blematik eröffnet sich ein Zugang zu den Gestalten ihres posthumen Nachlebens, die hier als »untote Metaphern« zu diskutieren sein werden. Die Problematik bekundet sich zunächst darin, dass sie eine Gemeinsamkeit der beiden antithetisch konstruierten metapherntheoretischen Ansätze bildet. Aus substitutionstheoretischer Sicht ist die Metapher ein Wort, das abweichender Wei- se in einem übertragenen Sinne gebraucht wird. 1 Durch Prozesse der Wiederholung und Lexikalisierung kann eine ursprüngliche Metapher indes zu einem üblichen Wort in einem neuen Kontext werden. Die metaphorische wird dann zu einer konventionellen Bedeutung. Beispiele dafür finden sich in der Sprache reichlich. Wenn wir etwa sagen, dass uns die Zeit davonläuft, eine Beziehung einschläft, die Wirtschaft wächst, oder wenn wir von Wortbrü- chen, Textgrundlagen und dergleichen sprechen, dann substituieren wir damit keine Worte mehr, die man eigentlich verwenden müsste, sondern sie bezeichnen zumeist genau das, was 1 Die Substitutionstheorie geht zurück auf die klassische Definition von Aristoteles: Poetik 21, 1457b; über- setzt und erläutert von Arbogast Schmitt, in: Werke, Bd. 5, hrsg. v. Hellmut Flashar, Darmstadt 2008.