Labrang: Ethnischer und kultureller Schmelztigel an der östlichen Peripherie Tibets UTE WALLENBÖCK Neben ’Bras-sprung,dGa’-ldan, bKra-shis-lhun-po undSe-ra in Zentral- tibet unddem sKu-’bum Byams-pa-gling in Amdo gilt Labrang (Bla- brang) als eines der sechs wichtigsten dGe-lugs-paKlöster in Tibet und als eines der führenden religiösen Zentren im Osten des Hochplateaus. 1 Die Geschichte dieses Klosters geht auf das frühe 18. Jahrhundert zurück, als das Gebiet innerhalbdes chinesischen Kaiserreiches unter dem Protektorat von Xining stand. Die W eidegebiete waren in mongolischer (Qośot Mongolen) Hand, die landwirtschaftlich genutzten Gebiete in tibetischer. Labrang galt in der Geschichte als T or zum tibetischen Hochlandan der Grenze zum chinesischen Reich. Heute liegt der Ort Labrang (chin. Xiahe) mit dessen gleichnamigem Kloster Labrang (chin. Labuleng Si) in der chinesischen Provinz Gansu, im autonomen tibetischen V erwaltungsbezirk von Südgansu,der wiederum von der Zentralregierung in Beijing gelenkt wird. Durch die Lage Labrangs direkt an der (T ee-) Handelsroute zwi- schen Xining undSongpan(Zung-Chu) 2 , aber auch wegen seiner Lage an Kreuzungspunkten der Seidenstrasse undden Reiserouten nach Lhasa, wurde Labrang schon früh zu einem Handelszentrum, 3 das neben Tibetern auch Mongolen, Chinesen undMuslime anzog,die infolgedessen auch Gebietsansprüche erhoben. Heute noch ist Labrang eine Pilgerstätte und ein Handelszentrum und entwickelte sich so auch zu einem Schmelztiegel verschiedener V olksgruppen (mi rigs,chin. minzu),Kulturen undSprachen. 1 Der vorliegende Artikel beruht auf Daten aus Feldforschungen in Labrang,die von der Autorin zwischen 1996 und 2003 durchgeführt wurden. Unterstützt wurden die Feldaufenthalte durch das Österreichische Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung,durch Forschungsstipendien der Steiermärkischen Landesregierung und der Mayer-Gunthof Stiftung. 2 Songpan in der heutigen Provinz Sichuan, im autonomen V erwaltungsbezirk der Tibeter undQiang Nga-ba, war eine wichtige Handelsstadt für Tibeter ,Qiang, Chinesen undMuslime. V or allem wurde mit T ee gehandelt, aber auch mit Wolle,Pelzen, medi- zinischen Kräutern und Gold. 3 Beschreibungen von Labrang als altes Handelszentrum sind u. a. bei Baradin 1908, Rock 1956: 33–50, Tafel [Bd.1, 1914: 220] undT eichman 1921: 138–145 zu inden.