Ulf Wuggenig Kunst-Kunst, Street Art und »Kreativität«. Annäherungen mit Hilfe von Feld- und Systemtheorie 1. Die »Ornament-Seuche« Wie hätte wohl Adolf Loos auf ein Phänomen wie American Graffiti reagiert, oder auf die Street Art der Gegenwart? In seinem berühmten, gegen die »Or- nament-Seuche« seiner Zeit gerichteten Manifest »Ornament und Verbre- chen« heißt es unter Berufung auf die Evolution von Menschheit und Kultur: »Der moderne mensch, der sich tätowiert, ist ein verbrecher oder ein degenerierter. [...] Mir und mit mir allen kultivierten menschen erhöht das ornament die lebens- freude nicht. wenn ich ein stück pfefferkuchen essen will, so wähle ich mir eines, das ganz glatt ist und nicht ein stück, das ein herz oder ein wickelkind oder einen reiter darstellt, der über und über mit ornamenten bedeckt ist.« (Loos 1997: 79ff.) Und in der Manier eines Propheten: »Ich habe folgende erkenntnis gefunden und der welt geschenkt: Evolution der kul- tur ist gleichbedeutend mit dem entfernen des ornamentes aus dem gebrauchs- gegenstande [...]. Seht, die zeit ist nahe, die erfüllung erwartet unser. Bald werden die straßen der städte wie weiße mauern glänzen. [...] Der ungeheuere schaden und die verwüstungen, die die neuerweckung des ornamentes in der ästhetischen ent- wicklung anrichtet, könnten leicht verschmerzt werden, denn niemand, auch keine staatsgewalt, kann die evolution der menschheit aufhalten!« (Loos 1997: 79ff.) Loos wandte sich im Wien der Zeit eines Gustav Klimt, Otto Wagner und Josef Hoffmann gleichermaßen gegen den – künstlerisch u.a. als »Makart- Ära« in Erinnerung gebliebenen – rückwärtsgewandten Historismus der aus-