Die Herausbildung der Wortklassenterminologie in den Balkansprachen 1 Thede KAHL (Jena/Wien), Michael METZELTIN (Wien) Einleitung Geht man von dem ältesten abendländischen Grammatikbeschreibungsversuch aus, demjenigen des Grammatikers Dionysios THRAX (2. Jahrhundert v. Chr.), bestehen die „Sätze“ (λόγος) eines Diskurses aus der Zusammenstellung (σύνθεσις) von „Wörtern“ (λέξις), die einen „in sich vollendeten Gedanken ausdrücken“ (διάνοιαν αὐτοτελῆ δηλοῦσα). Aufgrund verschiedener morphologischer, syntaktischer und semantischer Kriterien teilt Dionysios Thrax die satzbildenden Wörter in verschie- dene Kategorien ein. Seitdem ist es üblich, die Wörter einer Sprache in Wortklas- sen oder Wortarten einzuteilen. Im Prinzip kann man die Lexeme einer Sprache klassifizieren nach ihrer ‒ phonetischen Form ‒ morphologischen Variabilität ‒ Affigierbarkeit ‒ Semantik ‒ syntaktischen Kombinierbarkeit ‒ Mobilität im Satz ‒ Austauschbarkeit in derselben Satzposition ‒ Funktion in einem Satzschema. Die in der europäisch geprägten Sprachwissenschaft traditionell verwendeten Wortklassen sind das Ergebnis des Versuches, die Lexeme aufgrund ihrer mögli- chen morphologischen, syntaktischen und semantischen Aspekte in Gruppen aufzuteilen, deren Erkennung die Satzrezeption und -produktion erleichtern, denn die Satzglieder haben als Kern bestimmte Wortarten. Daher werden diese Wortklassen auch Redeteile (alb. pjesët e ligjëratës, gr. µέρη του λόγου, rum. păr- 1 Der vorliegende Beitrag ist ein Teil eines größeren Projektes über eine neue vergleichende Grammatik der Balkansprachen, das unter der Leitung von Thede Kahl und Michael Metzeltin und der Beteiligung von Gerhard Neweklowsky und Claudia Römer an der Balkan-Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften initiiert worden ist. Für eine nähere Beschreibung des Projektes verweisen wir auf KAHL/LINDENBAUER/METZELTIN (2010). In: KAHL, Thede; METZELTIN, Michael, SCHALLER, Helmut (Hg.) 2012: Balkanismen heute – Balkanisms Today – Balkanizmy segodnja (= Balkanologie. Beiträge zur Sprach- und Kulturwissenschaft 3). Münster, Wien, New York (LIT-Verlag), S. 81-109.