Politische Narrative. Konturen einer
politikwissenschaftlichen Erzähltheorie
Frank Gadinger, Sebastian Jarzebski und Taylan Yildiz
1 Die Hinwendung zur Erzählung in der Politik
Gegenwärtig lässt sich sowohl in einigen geistes- und sozialwissenschaftlichen Dis-
ziplinen als auch in den öffentlichen Debatten zur Politik eine Hinwendung zur
Erzählung erkennen. In beiden Sphären findet der Begriff der Erzählung bzw. des
Narrativs, der sich bisher auf die literaturwissenschaftliche Erzähltheorie (Narra-
tologie) beschränkt hatte, zunehmende Verwendung. Zwar ist die Verbreitung des
Erzählbegriffs keiner theoretischen Reflexion entsprungen, die dann in die publi-
zistischen Auseinandersetzungen mit der Politik durchgesickert wäre. Allerdings
lässt sich seit den 1990er Jahren sowohl in der sozial- und politikwissenschaftlichen
Forschung als auch im Handeln politischer Akteure durchaus eine gesteigerte Sen-
sibilität für die Bedeutung von Sprache beobachten. Der gemeinsame Nenner liegt
in der Annahme, dass Sprache nicht nur im Prozess der Politikvermittlung bedeu-
tend ist, sondern viel grundsätzlicher als elementares Medium des Weltverstehens
und Weltveränderns funktioniert. Demnach steht menschliches Denken und Han-
deln immer in einem sprachlichen Bezug. Dies gilt eben auch für die Politik, deren
komplexe Aushandlungsprozesse gar nicht jenseits der Sprache denkbar, sondern
vielmehr als Sprachspiele (oder eben Erzählungen) zu rekonstruieren sind. Es ist
F. Gadinger () · S. Jarzebski · T. Yildiz
Universität Duisburg-Essen, Duisburg, Deutschland
E-Mail: gadinger@gcr21.uni-due.de
S. Jarzebski
E-Mail: sebastian.jarzebski@uni-due.de
T. Yildiz
E-Mail: taylan.yildiz@uni-duisburg-essen.de
F. Gadinger et al. (Hrsg.), Politische Narrative, 3
DOI 10.1007/978-3-658-02581-6_1, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2014