C D Gewaltakte der SS in der Frühphase des Konzentrations- lagers Dachau: Situationsbedingt oder Rache? »Täterforschung« hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer dynami- schen, wenn auch nicht unumstrittenen Schule der NS-Historie ent- wickelt. Geschichtswissenschaftler haben, frühere Stereotype der Täter als atavistische Scheusale oder seelenlose Bürokraten beiseite schiebend, damit begonnen, den Anteil kultureller, sozialer und biographischer Faktoren an deren Verhalten genauer zu untersuchen. Ein gangbarer Weg zur Analyse der verschiedenen Herangehensweisen ist ihre Unter- teilung in situative und ideologische Erklärungstypen. Situative Inter- pretationen sind umfassender, indem sie die Bedeutung von Milieus und sozialer Kräften betonen. Ideologische Interpretationen neigen zu stärkerer Gewichtung des Besonderen, so etwa der individuellen Dispo- sition und Gesinnung. In der wohl bekanntesten Kontroverse der Tä- tergeschichte ist Christopher Brownings überwiegend situatives, gewis- sermaßen universelles Verständnis des massenmörderischen Vorgehens eines Bataillons Hamburger Polizisten in Polen von der sozusagen reso- lut partikularen Antithese Daniel Goldhagens angefochten worden. Im allgemeinen bewegt sich Tätergeschichte nicht in so krassen Extremen; die Rolle der Situation wie die der Ideologie wird von fast allen Gelehr- ten anerkannt. Doch im Einklang mit der breiteren historiographischen Tendenz, die Zentralität der Ideologie für Leben und Tod im Dritten Reich zu akzentuieren, nähern sich auch die Täterforscher mehr und mehr partikularen Ansätzen; »Tätergeneration« ist mittlerweile zu einer Chiffre für Ideologie geworden. In jüngster Zeit hat sich die Täterforschung auch der Geschichte der Konzentrationslager (KZ) zugewandt, zuvor eine Domäne ehemaliger deutscher und österreichischer politischer Häftlinge. In einem Punkt stimmen fast alle Historiker und einstigen Häftlinge überein: Die Wachmannschaften der Lager waren, entgegen populärer Annahmen, nur selten Psychopathen. Zwar gab es solche, aber die Memoirenlitera- tur schildert sie als eine winzige Minderheit, nicht mehr als fünf bis