35. Die Straße: Mobilität und Festkultur im Siglo de Oro Miriam Lay Brander Das Lexem ‚Straße‘ ist von lateinisch strata via (wörtl. ‚gepflasterte Straße‘) abge- leitet und bezeichnet im engeren Sinn „einen planmäßig angelegten, befestigten Verkehrsweg“ (Sauer 1999, 518). Im weiteren Sinne wird es häufig synonym mit ‚Weg‘ verwendet und kann sich dann auf die unterschiedlichsten Verkehrswege beziehen. Bezeichnet im Deutschen ‚Straße‘ im engeren Sinn sowohl innerstäd- tische Wege als auch Landstraßen, meint das entsprechende spanische Lexem ‚calle‘ lediglich Straßen in Städten und Dörfern, während sich die Bezeichnung außerstädtischer Straßen in verschiedene Lexeme aufspaltet. Diese Unterschei- dung von inner- und außerstädtischen Verkehrswegen im Spanischen ist vor allem im Hinblick auf frühneuzeitliche Texte bedeutend, auf die sich das Augen- merk im Folgenden richtet. So spielen Wege außerhalb der Stadt in der frühen Neuzeit lediglich als Verbindung zwischen verschiedenen Punkten eine Rolle, während sich die innerstädtische Straße zunehmend als kultureller Aktionsraum artikuliert (→ 2. Topographien). Im städtischen Straßennetz der Frühen Neuzeit verdichten sich kulturelle Praktiken wie Handelsaktivitäten, öffentliche Hinrich- tungen sowie festliche Anlässe politischer und religiöser Art, darunter die später noch zu thematisierenden Prozessionen. Zugleich erleben die spanischen Städte im 16. und 17. Jahrhundert demographische und städtebauliche Transformatio- nen. Die Einwohnerzahlen steigen enorm und der vor allem durch den Handel mit der Neuen Welt erworbene Reichtum mündet in ein regelrechtes Baufieber, aus dem Privatpaläste und Klöster, neue Fassaden, Plätze und Parks hervorge- hen. Zentrale Straßen werden ausgeweitet, um eine höhere Sonneneinstrahlung zu erzielen. Diese zunehmende historische Komplexität der städtischen Straße und ihrer Nutzung geht Hand in Hand mit einer neuen diskursiven Konzeption des Straßenraumes, der sich fortan zwischen allegorischer Funktionalisierung und entallegorisierender Pluralisierung situiert. Zum einen dient die Darstellung der Straße der „Abhandlung eines eigentlich gemeinten Moralischen“ (Mahler 1999, 27), zum anderen wird diese semantische Aufladung des Raums zuneh- mend durch weitere Bedeutungsebenen überlagert, die die Straße entweder in ihrer materialen Beschaffenheit hervortreten lassen oder ‚Lesarten‘ des Raumes produzieren, die einer allegorischen Regulierung zuwider laufen. Dies soll an zwei Beispielen exemplarisch aufgezeigt werden: dem Schelmenroman und dem Bericht einer Reliquientranslation in den Straßen Sevillas. 35-brander.indd 396 10.02.15 15:43