Wasser für die Stadt Einige Beobachtungen zur Topographie von Troizen Johannes Fouquet Anders als dem Periegeten Pausanias, der im mittleren 2. Jh. n. Chr. bei seinem Rundgang durch die in der südöstlichen Argolis gelegene Stadt Troizen zahlreiche Altehrwürdigkeit verkündende Bauwerke und Monu- mente streifte, bieten sich dem modernen Besucher nur spärliche Anhaltspunkte zur Entschlüsselung und Rekonstruktion der urbanen Topographie. Der wohl eindrücklichste architektonische Überrest im antiken Stadtgebiet ist der noch zu einem beträchtlichen Maße aufrecht stehende Turmbau. Er erhebt sich markant an der Nordlanke der Akropolis jenseits der Bewuchs grenze der Zitronenhaine. Der Turm ist Teil des auch epigraphisch bezeugten Diateichisma von Troizen, das die Stadt in einer kollektiven Anstrengung ihrer Bürger am Übergang vom Hoch- zum Späthellenismus errich- ten ließ. 1 Von der Ostlanke des Turmes ausgehend ver- läuft die Mauertrasse noch deutlich sichtbar in nordöst- licher Richtung über den modernen Schotterweg hin- weg. Folgt man der Trasse, stößt man nach etwa 27 m auf einen rechteckigen Ziegelbau (Abb. 1-2), der mit seiner zur Talseite ausgerichteten Front über einer steil ansteigenden Geländekante thront. Erstmalig beschrieb Gabriel Welter 1941 das Bauwerk und identiizierte es in den Erörterungen zu seinem Plan der antiken Stadt als zweigeschossigen römischen Grabbau (RG. 6). 2 Bereits bei einer oberlächlichen Betrachtung wird indes deut- Dieser Aufsatz entspringt meiner Teilnahme an einem Sur- veyProjekt in Troizen in den Jahren 2012 und 2013, das in Kooperation zwischen dem Institut für Klassische Archäolo- gie der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, dem Depart- ment of Archaeology der University of Sydney und der ’ Εφεα στ α ασ Ααττ durch geführt wird. Für die Möglichkeit zur Teilnahme möchte ich Prof. Dr. Reinhard Stupperich und David Hill herzlich danken. Alle Abbildungen stammen, wenn nicht anders ver- merkt, vom Verfasser. 1 IG IV 757 = SEG XIX 320. Während Mylonas 1886, 138f. die Errichtung des Diateichisma mit der Bedrohung der Stadt durch Kleomenes III. um 225 v. Chr. in Verbindung brachte, hat sich zurückgehend auf Fränkels Edition der Inschrift für die IG inzwischen in der Forschung eine Datierung um 147 v. Chr. etabliert, d.h. zur Zeit der antirömischen Bestrebungen des Achäischen Bundes, cf. Maier 1959, 139142 Nr. 32, ge- folgt u.a. von Sokolicek 2009, 132 Nr. 59. Archäologische Untersuchungen des Diateichisma zur Überprüfung dieser dezidiert von einem historischen Kontext geleiteten Datie- rung stellen dagegen ein Desideratum dar. Der zweigeschos- sige Turm ist in einer nachantiken Phase, möglicherweise in fränkischer Zeit, um ein drittes Stockwerk ergänzt worden, cf. Legrand 1905, 278 mit Anm. 1. 2 Welter 1941, 42. Die Interpretation erfolgte unter dem Ver- weis auf die bautypologische Ähnlichkeit eines Grabbaus beim oberen Gymnasion von Priene, cf. Rumscheid 1998, 177f. Bemerkenswerterweise bleibt der Ziegelbau bei Le- grand 1905 unerwähnt, der ihn auch nicht auf seinem Stadt- plan (Taf. XVII) verzeichnet. Daneben identiizierte Welter 1941, 4042 (RG. 15) weitere römische Grabbauten, die halbkreisförmig um das antike Stadtgebiet in der Ebene ver- teilt liegen. Zu diesen Grabbauten jüngst Flämig 2007, 169 171 Kat. 6468. Nach KonsolakiGiannopoulou 2003, 133f. mit Abb. 1 und Giannopoulou 2009, 533 mit Abb. 1 liegen im Norden und Nordosten des modernen Ortes α weitere Grabbauten römischer Zeit (nicht enthalten in Flä- mig 2007). lich, dass triftige Indizien gegen diese Interpretation sprechen. Sie sollen im Folgenden in Rede stehen. 3 Der Ziegelbau – Architektur und Datierung Mit einer Gesamtbreite von ca. 5,97 m (Ost-West) und einer Gesamtlänge von ca. 6,53 m (NordSüd) sitzt der mit opus testaceum errichtete Ziegelbau auf einer groben Fundamentpackung aus Bruchsteinen, Ziegeln und Mörtel, die an der talwärts gerichteten Nordfront auf dem planierten, anstehenden Felsen aufsitzt. In der Nordwestecke des Ziegelbaus zeichnet sich im Negativ ein großer Steinblock ab. Er war offenbar Teil einer un- mittelbar im Westen gelegenen Struktur aus großen, polygonalen Steinblöcken, die man zumindest partiell in das Bauwerk integrierte. Die talwärts gerichteten Fronten beider Bauten scheinen dabei etwa in derselben Flucht zu liegen. 4 In seiner rückwärtigen Hälfte hat man den Ziegelbau dagegen unmittelbar auf der Trasse des Diateichisma errichtet, die in diesem Abschnitt nach Südosten abzuknicken scheint (Abb. 34). Dabei läuft die hangseitige Mauerschale auf die Südwest- bzw. Südostecke des Ziegelbaus zu. Das Hauptelement des Baus ist ein Becken von 3,48 m x 4,28 m mit einer erhaltenen Tiefe von mindestens 1,57 m (Abb. 5). Seine hydraulische Funktion kann durch mehrere Indizien erhärtet werden. 5 Das Becken ist heute 3 Der Ziegelbau wurde von KonsolakiGiannopoulou 2003, 134 noch als römischer Grabbau angesprochen. Dagegen nahm ihn Catherina Flämig nicht in ihren Katalog auf (s. Anm. 2). Ein Ausschluss erfolgt nach Flämig 2007, 22, „da der Ziegelbau keinen expliziten Hinweis auf eine sepulkrale Nutzung oder eine Identiizierung als Heroon birgt“. 4 Ob es sich um Reste des Diateichisma bzw. eines Turmes handelt, kann freilich nur durch eine Ausgrabung dieses Areals geklärt werden. Im Vergleich zum erhaltenen Turm ist die Struktur um ca. 11° NO-SW verdreht. Ihre Nordfront scheint damit annähernd parallel zur Trasse des Diateichis- ma östlich des Ziegelbaus zu verlaufen. Aus fortiikato- rischer Perspektive würde ein Turm an dieser Stelle durch- aus plausibel erscheinen, da von ihm aus die Ausfallpforte auf der Ostseite des erhaltenen Turmbaus gedeckt werden könnte. Die Interpretation der Treppe im hellenistischen Turm als Ausfallpforte wurde bereits von Legrand 1905, 277 vorgetragen. Zu Ausfallpforten an griechischen Stadt- mauern: Winter 1971, 234251. Welter 1941, 12f., gefolgt von Sokolicek 2009, 132 Nr. 59, vertrat dagegen die we- nig überzeugende Hypothese, dass sich die Front des Dia- teichisma gegen die Akropolis richtete. Jedem modernen Besucher dürften nach einer Ersteigung der Akropolis al- lerdings Zweifel am Urteil Welters erwachsen, dass gerade dieser Teil der Stadt „Handstreichen besonders ausgesetzt“ war. So vermerkte bereits Gell 1810, 120 in seinen Reisebe- schreibungen: „The ascent to it is dificult, and the labour ill repaid“. Der auf der Südseite des Akropolisplateaus steil aufragende Felssporn verhindert zudem jeglichen Zugang von dieser Seite aus. 5 Das Becken wurde von Welter 1941, 42 als Untergeschoss des Grabbaus angesehen. Auf eine hydraulische Funktion des Baus haben bereits jüngst mit Recht Vitti – Vitti 2010, 270f. hingewiesen. Es bleibt indes anzumerken, dass der Verweis der Autoren auf die Lage des Baus intra muros, der eine Funktion als Grabbau ausschließe, nicht stichhaltig ist. Auch in der Kaiserzeit wurden in den griechischen Städten Bestattung von Euergeten, die sich um die Belange der Stadt verdient gemacht hatten, innerhalb des eigentlichen Stadtge-