Diskussion Diskussion Franz Seifert Wie man die „menschliche Natur“ besser nicht in die Sozialwissenschaften einführen sollte. Kritische Anmerkungen zu Kurt Kotrschal. DISKUSSION Diskussion Die Rubrik „Diskussionsbeiträge“ zu in der Österreichischen Zeitschrift für Soziologie erschienenen Artikeln gibt es schon längere Zeit. In den letzten Heften wurde sie auch in Anspruch genommen; die Redaktion betrachtet das als eine erfreuliche Entwicklung. Im Folgenden eine Replik auf einen in Heft 2/2003 erschienenen Beitrag. Franz Seifert Wie man die „menschliche Natur“ besser nicht in die Sozialwissenschaften einführen sollte. Kritische Anmerkungen zu Kurt Kotrschal Mit seinem Aufsatz „Das Ende der Beliebigkeit. Zum evolutionär-biologischen Fundament des Menschen“ (2003) liefert Kurt Kotrschal einen Beitrag zu einer im deutschen Sprachraum allzu raren Diskussion: jener um die „menschliche Natur.“ Ich denke, dass eine solche Diskussion mehr Aufmerksamkeit verdient und offen und über disziplinäre Selbstbezüglichkeiten hinausgehend geführt werden sollte. Zumal in den Sozialwissenschaften oft Annahmen über „das We- sen des Menschen“ getroffen werden, obgleich diese meist unausgesprochen bleiben oder die Form einer axiomatischen Abweisung eines solchen Wesens annehmen. Doch wenngleich der so gebildete blinde Fleck der Sozialwissen- schaften weder aus wissenschaftlicher noch aus engagierter Sicht sonderlich befriedigt, sollte die erforderliche Diskussion meiner Ansicht nach nicht in der Art geführt werden, wie das Kurt Kotrschal getan hat. Daher einige kritische Anmerkungen zu seinem Artikel. Diese beziehen sich nicht auf seinen bisweilen etwas polemischen Stil, noch auf die von ihm angeführten Fallbeispiele, noch auf sein grundsätzliches Anlie- gen, welches ich in mancher Hinsicht teile. Sie beziehen sich vielmehr auf die Art seines Vortrags, konkret: 1. die zum Ausdruck gebrachten, ideologischen wie auch epistemologischen Selbstgewissheiten, 2. das Verkennen des Untersuchungsgegenstandes der Sozialwissenschaften, 3. die Überschätzung der Relevanz, die das evolutionsbiologische Paradigma für die Sozial- bzw. Humanwissenschaften beanspruchen kann. 1/2004 93