Christian Schmidt- Wellenburg Die Jugendweihe. Bedeutung und Funktion eines bi ografischen Ubergangsrituals Auch über ein Jahrzehnt nach dem Fall der Mauer und dem Ende der Deutschen Demokratischen Republik erfreut sich die Jugendweihe großer Beliebtheit. In diesem Aufsatz wird deshalb vorgeschlagen, sie als biografisches Übergangsritual zu begreifen, um auf dieser Grundlage ihre Bedeutung und Funktion vor und nach 1989 verstehen und erklären zu können. Als biografisches Überg an gsritual expliziert und trans- portiert die Jugendweihe das Schema von Kindheit, Jugend und Erwachsenheit, was eine Integration der Sozialstruktur, der personalen Identität und der Personen in Rollen ermöglicht. Als Ritual der DDR -Festtagskultur vermittelt die Jugendweihe das marxistisch-leninistische Weltbild und die Idee der sozialis- tischen Persönlichkeit; als Massenritual dient sie der Demonstration politischer Macht und der Legitimation der politischen Ordnung. Nach der historischen Zäsur von 1989 leistet die Jugendweihe ei- nen Beitrag zur Biografiegenerierung und Identitätskonstruktion der Eltern der Teilnehmer, während ihre kulturelle Bedeutung auf jene des biografischen Übergangsrituals beschränkt bleibt. 1. Einleitung In den Monaten April, Mai und Juni eines je- den Jahres versammeln sich an den Sams- tagen tausende von Familien zwischen Mag- deburg und Frankfurt an der Oder, zwischen Stralsund und Chemnitz, um ein Fest zu fei- ern: die Jugendweihe ihres Kindes. Häufig unbeachtet, meist sogar unbemerkt, zumin- dest jedoch unverstanden vom Rest der deut- schen Bevölkerung und den überregionalen Medien, feiern sie mit diesem Fest das „Ende der Kindheit". Damit erfreut sich ein ehemals zentrales Moment der offiziellen DDR -Festtagskultur in den neuen Bundesländern bei knapp der Hälfte aller Kinder eines Jahrgangs fernab aller modischen Trends ei- ner Beliebtheit wie wohl kaum ein anderer DDR - Artikel. Vierzehn Jahre nach der Wen- de und dreizehn Jahre nach der Wieder- vereinigung Deutschlands scheint die Ju- gendweihe zum „Exportschlager" der unter- gegangenen DDR geworden zu sein. Die anhaltende Beliebtheit der Jugend- weihe in der tiefgreifenden Transformation Ostdeutschlands fordert eine eingehende Betrachtung dieses überraschenden Befun- des. Es liegt nahe, hierzu einen Vergleich der DDR- und der heutigen Jugendweihe vorzu- nehmen, der sowohl Veränderungen als auch kontinuierliche Elemente erfasst. Jedoch benötigt ein Vergleich allgemeine, seine Elemente überspannende Kriterien, um seine beschreibende und erklärende Kraft zu ent- falten, weshalb in diesem Aufsatz vorge- schlagen wird, die Jugendweihe als Ritual zu begreifen. In einem ersten Schritt lassen sich dann aus dem Spektrum der Ritualtheorien sechs allgemeine rituelle Charakteristika de- duzieren, die den Vergleich anleiten: Formalität, Motivation, symbolische Kol- lektivität, Öffentlichkeit, Außeralltäglichkeit sowie die logisch -sinnstiftende und funktio- nal- kausale Bedeutung. Aufgrund ihrer be- sonderen logisch- sinnstiftenden und funktio- nal- kausalen Bedeutung wird die Jugend- weihe in einem zweiten Schritt einer speziel- len rituellen Kategorie zugeordnet: der des biografischen Übergangsrituals. Abschlie- ßend werden die unterschiedlichen Bedeu- tungen und Funktionen der Jugendweihe je nach ihrer gesellschaftlichen Einbindung be- stimmt. Demnach ist die Jugendweihe der DDR durch die Weltanschauung des Mar- xismus-Leninismus geprägt und erfüllt eine legitimatorische und stabilisierende Funktion für die politische Ordnung, während die sinn- 349 zentrales Moment der