117 Sicherheitsinstitutionen für das südliche Lateinamerika: Argentinien – Brasilien und Argentinien – Chile Brigitte Weiffen 1. Einführung Am Beispiel des südlichen Lateinamerika lässt sich aufzeigen, wie die Demo- kratisierung der Staaten zur Entstehung und Qualitätsveränderung internationaler Institutionen und auf diesem Wege zur Beilegung überkommener strategischer Riva- litäten beigetragen hat. Trotz eines hohen Niveaus an innerstaatlicher Gewalt und Instabilität, langer Perioden autoritärer Regierung und häufiger Staatsstreiche durch das Militär, brachen im Lateinamerika des 20. Jahrhunderts kaum zwischenstaatli- che Kriege aus, so dass die Region von einigen Autoren als Friedenszone bezeichnet wird (Holsti 1996: 157; Hurrell 1998: 531f; Kacowicz 1998: 67f). An anderer Stelle wird hingegen argumentiert, dass zwar wenige Kriege, wohl aber viele Spannungen, Rivalitäten und Konflikte unterhalb der Kriegsschwelle auftraten (Grabendorff 1982; Child 1985; Mares 2001; Domínguez et al. 2003; Fuentes 2008). Vor allem Grenzstreitigkeiten kamen relativ häufig vor und eskalierten gelegentlich bis hin zum Einsatz militärischer Gewalt (Domínguez et al. 2003: 13). Diese Diagnose trifft auch für die historische Entwicklung des Südkegels zu. Ne- ben Territorialkonflikten bestand eine tiefer liegende Ursache für die Rivalität der beiden größten südamerikanischen Staaten, Argentinien und Brasilien, im Ringen um die Vorherrschaft in der Region. Über lange Zeiträume hinweg stellten geo- politische Prämissen den interpretativen Rahmen für die zwischenstaatlichen Bezie- hungen dar und bestimmten vor allem in den 1970er Jahren die Außenpolitik der Militärregierungen. Expansionistische Ansprüche, die in die postkoloniale Epoche der Caudillo-Herrschaft zurückreichten, wurden in dieser Phase neu artikuliert (vgl. Child 1985; 1988; Kelly & Child 1988; Kahhat 2005). Auslöser der Spannungen zwischen Argentinien und Brasilien waren Konflikte um Wasserkraftressourcen in ihrer Grenzregion und konkurrierende Entwicklungen im Bereich der Nukleartech- nik. Dagegen verursachten zwischen Argentinien und Chile ungelöste Territorial- streitigkeiten mehrfach wechselseitige Gewaltdrohungen und führten 1978 nahezu zum Kriegsausbruch. Während sich Argentinien und Brasilien also vor allem einen Wettstreit um ihre Vorrangstellung und ökonomische Fragen lieferten, verzeichnete die chilenisch-argentinische Dyade mehrfach offene militarisierte Dispute. Im Zuge des Demokratisierungsprozesses seit den 1980er Jahren veränderte sich jedoch die Qualität der Beziehungen beider Staatenpaare. Auf hemisphärischer Ebene bewirk- ten das Ende des Kalten Krieges und die demokratischen Transitionsprozesse in der Region eine Vitalisierung der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) in den Politikbereichen regionale Sicherheit und Demokratieförderung, in deren Verlauf