24 MARTIN FRANZ UND ANIKA TREBBIN Supermärkte in Indien als Entwicklungschance Eine Frage der Perspektive Indiens Lebensmittelhandel ist traditionell vielgliedrig und kleinteilig. Supermärkte, wie sie in Europa weit verbreitet sind, gibt es dort erst seit ein paar Jahren. Ob sie durch die Modernisierung der Lieferketten dem Land und insbesondere der Landwirtschaft neue Entwicklungsimpulse bringen, ist durchaus umstritten. staatlich kontrollierten Märkte, die sogenannten Mandis, nichts zu ändern. Der indische Lebensmittelhandel hat sich in den letzten zwanzig Jahren langsam verändert. Ein Grund dafür ist die Ausbreitung von Supermarktketten. Vor allem wegen seiner Größe und dem rasanten Wirtschaftswachstum von durch- schnittlich 7 % pro Jahr (RBI 2011) ist der indische Markt seit Anfang der 1990er Jahre für Supermarktketten attrak- tiv. Durch das Wirtschaftswachstum verbesserten sich auch die Einkommensverhältnisse für viele in den Städten leben- de Inder. Mit steigendem Wohlstand bestimmter Bevölke- rungsgruppen verändern sich auch Lebensstile und Konsu- mentenwünsche. Im Bereich der Lebensmittel verschob sich die Nachfrage weg von Getreide zu frischen Produkten wie Milchprodukten, Obst und Gemüse. Diese neue Nachfrage zu bedienen ist ein Ansporn für viele Unternehmen, in den indischen Lebensmittelhandel mit Supermärkten einzusteigen. Auch viele ausländische Handel- I ndiens Landwirtschaft ist, wie in den meisten Ent- wicklungsländern, stark fragmentiert, d. h. sie besteht aus etwa 600 Millionen Kleinbauern, die nah am oder sogar unter dem Existenzminimum wirtschaften. Etwa 90 % von ihnen beackern Flächen von weniger als zwei Hektar (Government of India 2010). Sie sind aufgrund der kleinen Produktionsmengen, mangelnden Transportmöglich- keiten und geringem Wissen über den tatsächlichen Wert ihrer Produkte oft Zwischenhändlern ausgeliefert, die die Preise diktieren können. Dass zwischen Produzent und Kon- sument bis zu acht verschiedene Händler das Produkt immer weiterverkaufen und daran verdienen, ist keine Seltenheit. So bläht die große Anzahl von Zwischenhändlern die Preise für die Konsumenten auf, während die Bauern nur einen kleinen Teil des Gewinns erhalten. Durch das Fehlen von Kühlketten leidet im traditionellen Handelssystem zudem die Qualität ins- besondere bei frischen Lebensmitteln wie Obst und Gemüse. Daran scheinen auch die seit Jahrzehnten existierenden INDIEN SüDASIEN Kasten 1: Probleme beim Aufbau moderner Lieferketten für Obst und Gemüse in Entwicklungsländern • fragmentierte und nicht standardisierte Märkte • verstreut liegende kleine Produzenten • Korruption • Mangel an Hochqualitätsprodukten • schlechte Infrastruktur (Straßen, Lager- häuser, Kühlkette, Elektrizität) • ungenügende Qualitätskontrolle • fehlende Marktinformationen • Widerstände alteingesessener Händler • Abhängigkeiten (häuig durch Kredite) der Bauern von traditionellen Zwischenhändlern • geringes Vertrauen der Landwirte gegenüber fremden Akteuren Kasten 2: Argumente für die Liberalisierung von Agro-Food Netzwerken und die Verbesserung der Infrastruktur • eizientere Zuliefernetzwerke • wenige Lebensmittel verderben auf dem Weg vom Bauern zum Konsumenten • Wissens-Transfers in die Landwirtschaft • verbesserte Einkommen für Bauern • sinkende Lebensmittelpreise (geringere Inlation) • größere Produktauswahl • Verbesserung der Lebensmittelqualität • Schafung von Arbeitsplätzen (Steuerzahler) • mehr ausländische Direktinvestitionen PRAXIS GEOGRAPHIE 9|2012 lizenziert f¨ ur Anika Trebbin am 16.08.2015 lizenziert f¨ ur Anika Trebbin am 16.08.2015