1 Das Unsichtbare wieder sichtbar machen: Für einen rematerialisierten Zugang zu Religion in der Empirischen Kulturwissenschaft/Volkskunde Monique Scheer 1. Entmaterialisierungsvorgänge Im Vorwort zu ihrem gemeinsam herausgegebenen Sammelband Things. Religion and the Question of Materiality weisen die Religionsethnologin Birgit Meyer und der Religionssoziologe Dick Houtman auf einen bemerkenswerten Unterschied zwischen ihren beiden Fächern hin. Nicht die zu erwartende Divergenz aufgrund der bevorzugten Methoden (qualitativ vs. quantitativ), der Untersuchungsebene (mikro vs. makro) oder der Fragestellungen haben sie dabei im Sinn. Sie stellen stattdessen fest, dass während die Ethnologie einen material turn in der Religionsforschung vorangetrieben habe, die Religionssoziologie in genau die entgegengesetzte Richtung gegangen sei. 1 Besonders die Arbeiten von Thomas Luckmann, die den Fokus von den Institutionen auf die Individuen verlagert haben, habe die Religion der Religionssoziologie ‚entmaterialisiert‘. Religion in der Gegenwart war nicht mehr mit dem beobachtbaren Kirchenbesuch (der im Abnehmen begriffen war) gleichzusetzen, sondern als ‚Spiritualität‘ zu verstehen, als etwas Innerliches und Unsichtbares. 2 Selbst wenn die Diagnose von Meyer und Houtman etwas pauschal formuliert sein mag, ist die Beobachtung dennoch bemerkenswert, weil sie ein interessantes Licht auf die Religionsforschung in der Volkskunde wirft, bediente diese sich ja reichlich aus dem Luckmannschen Vorrat. Möglicherweise hat diese Orientierung an der Soziologie zur Verunsicherung beigetragen, die seit etwa 25 Jahren festzustellen ist, nämlich zur Frage, worüber die ‚religiöse Volkskunde‘ eigentlich forschen soll. Denn mit der Entmaterialisierung von Religion ging der Volkskunde einer ihrer zentralen Kompetenzbereiche – die materielle Kultur – zunehmend verloren. 3 Für ihre kritische Lektüre und die sehr hilfreichen Anmerkungen danke ich Gesa Ingendahl und Elisabeth Socha. 1 Birgit Meyer und Dick Houtman: Preface. In: Dies. (Hg.): Things. Religion and the Question of Materiality. New York 2011, S. xv. 2 Thomas Luckmann: Die unsichtbare Religion. Frankfurt am Main 1991. 3 Ich biete hier eine andere Deutung des ‚Niedergangs‘ der religiösen Volkskunde an als etwa Peter Hersche: Religiöse Volkskunde – stille Bestattung oder Phönix aus der Asche? In: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte 102 (2008), S. 393-414. Hersche sieht den Grund für die „Randposition“ der religiösen Volkskunde seit den 1990er Jahren in der „zeitliche[n] und räumliche[n] Umorientierung [des Faches insgesamt] auf die Gegenwart und die Stadt“ (S. 396). Dabei hält er an einer Definition von „Volksfrömmigkeit“ fest, die vor allem ländlich und katholisch geprägt ist und aufgrund der Abnahme der beobachtbaren religiösen Praxis in diesen Gegenden auch eher der Vergangenheit angehört. Ein erweitertes Verständnis des Gegenstands der