Abrahams wunderbare Parapraxie Zu einigen Motive in Kierkegaards Furcht und Zittern 1 Die Prüfung Man versteht die Erzählung von Abraham auf andere Weise. Man preist Gottes Gnade, dass er ihm Isaak wiedergeschenkt hat, das Ganze war bloß eine Prüfung. Eine Prüfung: dies Wort kann viel und wenig besagen, und doch ist das ganze so schnell verklungen, wie es gesagt ist. (233) 2 Wies so heißt es hier: «das Ganze war bloß eine Prüfung»? Als bloße Prüfung gehört Abrahams Tun zu der Sphäre der Praxis eher als zu der der Poiesis. Sie ist selbst ein Mittel, deren Zweck nicht außerhalb dieses Tuns als Prüfung liegt. Ginge es nicht um eine Prüfung, wäre ihre Zweck etwas anders als der Akt ihrer selbst. Dann würde ihre Zweck zum Kriterium der Legitimität seines Tuns im Bereich der Teleologie, des Allgemeinen. Als Prüfung ist aber diese Handlung der Zweck ihres Vollzuges. Das Unheimliche und Paradoxe dieses Tuns ist, dass es Abraham fordert, die ganze Sphäre der Zweckmäßigkeit, des Allgemeinen, und damit den Bereich der Teleologie, d.h. das Ethische, zu suspendieren, da „die Versuchung“, die ihn hier abhält seine Pflicht zu tun, „das Ethische selber“ 3 ist). Aber Kierkegaard spricht nicht (d.h. in Form einer ‚direkten’ Mitteilung) von einer Suspension der Teleologie (das wird nur indirekt angesagt), sondern von einer „teleologischen Suspension des Ethischen“. Damit kommt er dem Paradox nah: die Aufgabe dieser Prüfung bezieht sich auf ein Telos, das höher als das Höchste wäre, höher als das Allgemienste, als das Ethische. Dieser surplus des höher als das Höchste, dieser Très-Haut oder Allerhöchste (um einen Titel bei M. Blanchot zu evozieren) geht nicht ohne Ironie. Dieses Höher-als-das-Höchste betrifft in der Tat 1 Nach dem Referat zum Sem. Parapraxen (Prof. Werner Hamacher, Uni. Frankfurt, WS/2011-2012). 2 Zitiert nach: Søren Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode · Furcht und Zittern · Die Wiederholung · Der Begriff der Angst. Deutsche Taschenbuch Verlag. 2005. 3 „Warum tut es Abraham denn? Gottes wegen und völlig identisch hiermit seiner selbst wegen. Gottes wegen tut er es, weil Gott diesen Beweis seines Glaubens fordert, seiner selbst wegen tut er es, damit er den Beweis führen kann. Die Einheit dessen ist völlig richtig in jedem Wort ausgedrückt womit man immer dieses Verhältnis bezeichnet hat: es ist eine Prüfung, eine Versuchung. Eine Versuchung; aber was soll das hießen? Was sonst eine Menschen versucht ist ja dass, was ihn abhalten will, seine Pflicht zu tun; aber hier ist die Versuchung das Ethische selber, das ihm abhalten will, Gottes Willen zu tun...“ (233) 1