1 MARTINA LEEKER Weibliche Medien um 1900. Über okkulte Herkünfte der Medienwissenschaft Je sculpte de la lumiére Loie Fuller Um 1900 lässt eine Auffälligkeit aufmerken, die hier für Gender-Media-Studies fruchtbar gemacht werden soll. Es geht um Frauen, die reihenweise zu mediumistischen Medien werden. Sie empfangen Nachrichten von Geistern, Schwingungen anderer Menschen, erleben das Fluidum des Äthers und verfallen in Trance und Hysterie. Aus wissensgeschichtlicher Perspektive konstituieren sich Existenz und Wirkung dieser „weiblichen Medien“ 1 aus einer bemerkenswerten Fehl-Leitung. Es geht um eine Verbindung von Spiritismus, Physik und technischen Medien und Apparaten, die als spiritistische Überformung des Elektromagnetismus gelten muss. 2 In dieser werden die weiblichen Medien zum lebendigen Beweis der ‚Ätherphysik‘ 3 . In ihr sollen elektromagnetische Wellen, Röntgenstrahlen, Fotografien und telegrafische Signalschaltungen, um 1900 neue und noch nicht umfänglich mit einer Elektronen-Theorie erklärbare Entdeckungen der Physik und Physiologie, und eben auch die weiblichen Medien, wenn sie Stimmen von Geistern und des Welt-Geistes empfangen bzw. mit diesen kommunizieren, Materialisierungen para-physikalischer und okkulter Phänomene sein. Das Besondere und fürs Heute zu Beachtende ist, dass die weiblichen Medien aus freien Stücken oder unter physischem und diskursivem Zwang technische Medien wie Radio, Fernsehen 4 oder Telegrafie verkörpern, indem sie selbst zu 1 »An dieser Stelle wird nicht geklärt werden können, warum gerade Frauen für die Rolle des mediumistischen Mediums prädestiniert sein sollen bzw. welches Geschlechterverhältnis sich mit den weiblichen Medien und ihren männlichen Ärzten konstituiert. Vgl. dazu exemplarisch Christine Walter: »Experimente mit weiblichen Medien in der Parapsychologie um 1900«, http://www.uni-leipzig.de/~divers/pdf_Dateien/text_walter.pdf (Juni 2007). Im Fokus steht hier vielmehr, weibliche Medien als medienwissenschaftliche Formation zu untersuchen und zu eruieren, welche Aussagen diese über Medienwissenschaft macht. Es geht also um die Bedeutung weiblicher Medien, mithin eines genderspezifischen Gegenstandes, für die Medienwissenschaft: ‚Gender for Media Studies‘. 2 »Elektromagnetische Wellen bedingen um 1900 eine Umstellung von einer Physik, in der sich Natur aufschreibt, zu einer, der sich nur noch angenähert werden kann. Es entsteht zunächst ein Vakuum, da sich die Wellen, Schwingungen und Frequenzen noch nicht auf eine Elektronen-Physik zurückführen lassen. Vgl. einführend: Wolfgang Hagen: »Theorien des Radios. Ästhetik und Äther«. HU Berlin 1995/96, http://www.whagen.de/seminare/AETHER/Aether1.htm (Juni 2007). 3 »Vgl. zur Geschichte des Äthers sowie zur Ätherphysik als Kulturtechnik Bernhard Siegert: »Radio Art um 1900: Crookes, Peirce, Lodge und Duchamp«. Vorlesung Radio04., Weimar 2005, http://www.uni- weimar.de/medien/kulturtechniken/lehre/ws2006/material/VLRadio04-Netzversion.pdf (Juni 2007) sowie ders.: »Funken und Strahlen: Zum Okkultismus der Moderne (Hertz, Crookes, Peirce, Branly, Lodge)«. Vorlesung Radio03, Weimar 2005, http://www.uni- weimar.de/medien/kulturtechniken/lehre/ws2006/material/VLRadio03-Netzversion.pdf (Juni 2007). 4 »Wo die Medien selbst noch nicht erfunden sind, verkörpern die weiblichen Medien deren technische und epistemische Vorstufen. Grundlage von Fernsehen und Radio sind elektromagnetische Wellen, um deren