German Life and Letters 60:4 October 2007 0016–8777 (print); 1468–0483 (online) WUNDERKAMMER UND APOKALYPSE: ZU W.G. SEBALDS POETIK DES SAMMELNS ZWISCHEN BAROCK UND MODERNE Dominik Finkelde ABSTRACT Der Artikel widmet sich der Frage, inwiefern Sebald das Motiv des Sammelns Teil seiner Poetik werden l¨ asst. Dabei zeigen Querverweise zu Walter Benjamin, Robert Burton und Thomas Browne, dass Sebalds Manie des Sammelns (von Fragmenten, Fotos, etc.) sich am Kombinationsprinzip der barocken Wunderkammer orientiert und sein Stil verschachtelter S¨ atze von der Hypotaxe Thomas Brownes gepr¨ agt ist. So wie Goethe und Stifter f¨ ur Sammel-Konzepte des 19. Jahrhunderts, Walter Benjamin und Ernst J¨ unger f¨ ur die erste H¨ alfte des 20. Jahrhunderts genannt werden k ¨ onnen, so artikuliert Sebalds Poetik ein Sammelkonzept der zweiten H¨ alf- te des 20. Jahrhunderts und indirekt auch eine mit der Struktur seiner Romane eng verbundene Theorie eines Sammelns nach Auschwitz. Ein Leben gepr¨ agt durch innere Zerstreuung braucht f ¨ ur seine Figuren mit pathologischer Notwendigkeit die wiederholte Best¨ atigung, im gesammelten Fragment, Foto, in der einzelnen Brief- marke eine Inspirationsquelle der Phantasie zur Rekonstruktion verlorener innerer Sammlung zu finden. I Das moderne Bed¨ urfnis des Sammelns verortet der Kunsthistoriker Boris Groys in der europ¨ aischen Moderne. Er bindet es zur ¨ uck an einen durch die akularisierung herbeigef ¨ uhrten Glaubensverlust an ein ewiges, g¨ ottliches Ged¨ achtnis. 1 Stand dies einst f¨ ur eine in sich geschlossene Sammlung und damit auch f¨ ur ein auf Innerlichkeit beruhendes g¨ ottliches Gesammeltsein, so verweist der moderne Museumsboom auf einen Prozess der Zerstreuung. Dieser l¨ asst auch den Museumsbesucher nicht unber ¨ uhrt, der heute auf den Pfaden des internationalen Tourismus wandelt. Museen versuchen dabei den Verlust des ‘g¨ ottlichen Ged¨ achtnisses’ (Groys) zu kompensieren und der Zerstreuung entgegenzuwirken, wobei sie den geschichtlichen ‘M ¨ ull’ in kulturelle Identit¨ aten verwandeln. Das Museum (ebenso wie das ihm zugeh¨ orige Archiv) muss eine Antwort finden auf die metaphysisch religi ¨ ose Frage ‘Was bleibt?’ 2 Gleichzeitig f ¨ uhrt die ¨ Uberf¨ ulle von dem, ‘was bleibt’ 1 Vgl. Boris Groys, Logik der Sammlung. Das Ende des musealen Zeitalters,M¨ unchen 1997, S. 48. 2 Zum sammelnden Umgang mit Abfall und M ¨ ull vgl. Michael Cahn, ‘Das Schwanken zwischen Abfall und Wert. Zur kulturellen Hermeneutik des Sammlers’, Merkur , 41 (1991), 674–90. Zum Verh¨ altnis von marktorientierter Produktvielfalt und ihrem Umschlag in ‘the accumulating pile of debris which relentlessly builds up’ siehe den Artikel von Tim Edensor, ‘Waste Matters. The Debris of Industrial Ruins and the Disordering of the Material World’, Journal of Material Culture , 10/3 (2005), 311–32 (hier 316). C The author 2007. Journal compilation C Blackwell Publishing Ltd. 2007 9600 Garsington Road, Oxford, OX4 2DQ and 350 Main Street, Malden, MA 02148, USA.