Die Juden in der Sicht der polnischen Bauernparteien vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1939 von Kai Struve 1. Einleitung Die Bauernparteien bildeten neben der Nationaldemokratie und der soziali- stischen Bewegung die dritte der großen politischen Gruppierungen, die am Ende des 19. Jahrhunderts in den polnischen Teilungsgebieten neu entstanden und auch in der Zweiten Republik von wesentlicher Bedeutung blieben. Die Bauernbewegung (ruch ludowy) war einerseits das Resultat von Organisa- tionsbemühungen von Vertretern der linken patriotischen Intelligenz, die die Befreiung der Bauern von der Herrschaft der szlachta und die Arbeit an der Verbesserung ihrer sozialen Lage für eine moralische Verpflichtung hielten, aber zugleich auch im Zuge des Positivismus und der „organischen Arbeit" die Bildungsarbeit unter der ländlichen Bevölkerung als Voraussetzung dafür be- trachteten, diese für die Unterstützung der polnischen nationalen Bestrebun- gen zu gewinnen. Andererseits war der ruch ludowy aber auch das Ergebnis einer zunehmenden eigenständigen politischen Mobilisierung der ländlichen Bevölkerung und der auch von den Bauern gewollten Durchbrechung der Iso- lation der dörflichen Gemeinschaften, da die Bauern darin die Möglichkeit zur Verbesserung ihrer sozialen Lage erkannten. 1 Nach den Ukrainern bildeten Juden mit einem Anteil von ungefähr 10 Pro- zent der Gesamtbevölkerung die zweitgrößte Minderheit der Zweiten Repu- blik. Das polnisch-jüdische Verhältnis und die Frage des Antisemitismus im 1918 wiedererstandenen polnischen Staat sind in der Forschung weiterhin um- stritten. 2 In dem vorliegenden Beitrag soll es nun um das Verhältnis der polni- 1 Grundlegend für die polnische Bauernbewegung STANISLAW KOWALCZYK U. a.: Za- rys historii polskiego ruchu ludowego [Abriß der Geschichte der polnischen Bauern- bewegung], Bd.l: 1864—1918, Warszawa 1963; JAN BORKOWSKI u.a.: Zarys historii polskiego ruchu ludowego [Abriß der Geschichte der polnischen Bauernbewegung], Bd.2: 1918-1939, Warszawa 1970 (im folgenden zit. als Zarys I u. II); Historia chlo- pöw polskich [Geschichte der polnischen Bauern], Bd.2 u. 3, hrsg. v. STEFAN ING- LOT, Warszawa 1972 u. 1980; STANISLAWA LEBLANG: Polnische Bauernparteien, in: Europäische Bauernparteien im 20. Jahrhundert, hrsg. v. HEINZ GOLLWITZER, Stutt- gart, New York 1977, S. 271-322; OLGA A. NARKIEWICZ: The Green Hag. Polish Populist Politics 1867—1970, London 1976. Die Bauern als Problem polnischer Na- tionalpolitik im 19. Jh. behandelt STEFAN KIENIEWICZ: The Emancipation of the Polish Peasantry, Chicago 1969. 2 Einen guten Überblick über die zahlreichen neueren Publikationen und die For- schungskontroversen gibt der Literaturbericht von KLAUS-PETER FRIEDRICH: Juden und jüdisch-polnische Beziehungen in der Zweiten Polnischen Republik (1918— 1939), in: ZfO 46 (1997), S. 535-560. Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 48 (1999) H. 2