I m Zuge der Umwandlung von Realnut- zungsflächen kann es zu Veränderungen der lokalen Klima- und Lufthygiene- verhältnisse kommen, die insbesondere während austauscharmer Strahlungswetter- lagen zur Geltung kommen können. Dieser wichtige Aspekt wird von kommunalen Pla- nungs- und Umweltämtern aufgegriffen, mit dem Ziel, das Klima eines Stadtteils oder ei- ner Stadt im Zuge von Flächenumwandlun- gen zu verbessern oder aber mögliche nega- tive Auswirkungen zu minimieren. Syntheti- sche Klimafunktionskarten bzw. darauf auf- bauende Planungshinweiskarten, die im Rahmen von Stadtklimaanalysen erstellt werden (Barlag 1993), unterstützen die Ein- ordnung und klimaökologische Bewertung einer Planfläche in einem stadtklimatologi- schen Maßnahmenkatalog. Der Stadtplan kann derartigen thematischen Karten fach- spezifische Hinweise entnehmen, ob eine Fläche schützenswerte Klimafunktionen aufweist oder nicht. Im Einzelfall muss so- dann entschieden werden, ob ein zusätzli- cher kommunaler Handlungsbedarf zum Schutz oder zur Verbesserung der klimati- schen oder lufthygienischen Situation zu rechtfertigen ist. Sonderuntersuchungen zur endgültigen Be- wertung des Klimapotenzials eines Areals werden daher häufig im Rahmen von Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVPs) vorgenommen. Den UVPs können klimati- sche und lufthygienische Qualitäten eines betrachteten Raums entnommen werden, um daraus Maßnahmen zur Neugestaltung von Umwandlungsflächen unter Berücksichti- gung klimatischer und lufthygienischer Aspekte ableiten zu können. In Hinblick auf die Beurteilung möglicher Klima- und Lufthygienemodifikationen ei- ner Planfläche sollte somit ein stadtklimato- logisches Instrumentarium zur Anwendung kommen, das Bewertungen der Klimafunk- tionen eines Areals für den Ist- und Plan-Zu- stand erlaubt. Entsprechende Untersu- chungskonzepte müssen daher Maßnahmen zur Überprüfung flächenspezifischer Klima- funktionen für die derzeitige Nutzung und darüber hinaus Modellsimulationen zur Ab- schätzung möglicher Klimaveränderungen durch die geplante Umwandlung beinhalten. Der vorliegende Beitrag legt am Beispiel ei- ner UVP-initiierten Untersuchung zu den klimatischen Auswirkungen der geplanten Bebauung einer ehemaligen Industriebrache in der Stadt Gelsenkirchen (Kuttler et al. 2003) dar, wie bei der Aufstellung eines Be- bauungsplans stadtklimatische Belange in den kommunalen Planungsprozess aufge- nommen werden können. Dabei werden mittels Tracer-Ausbreitungsversuchen, me- teorologischer Messungen und numerischer Modellsimulationen kaltluftdynamische Prozesse während einer sommerlichen aus- tauscharmen Strahlungswetterlage unter- sucht. Plangebiet „Schalker Verein“ Östlich des Stadtzentrums Gelsenkirchen- Altstadt liegt die Industriebrache „Schalker Verein“. Die Planungshinweiskarte der Ge- samtstädtischen Klimaanalyse Gelsenkir- chen (Kuttler et al. 2000, Kuttler und Barlag 2002) weist diesem Areal eine potenzielle lokalklimatische Vernetzungs- bzw. Verbin- dungsfunktion zwischen einem Ausgleichs- raum im Osten (Grünzug D) und einem Lastraum im Westen (Gelsenkirchen-Alt- stadt im Stadtzentrum) zu (siehe Abbil- dung 1). Diese Klimafunktion kommt be- sonders in Nächten während windschwacher Strahlungswetterlagen mit östlichen Strö- mungskomponenten zum Tragen, da dann für die innerhalb des Grünzugs D gebildete Kaltluft die Möglichkeit besteht, über das Gelände des Plangebiets in Richtung des überwärmten und lufthygienisch belasteten Stadtzentrums zu strömen. Das 37 Hektar große Plangebiet „Schalker Verein“ ist eine Brachfläche auf dem Gelän- de eines ehemaligen Stahlwerks (siehe Ab- bildung 2 – links). Die Fläche erhebt sich um ca. zehn Meter über ihre Umgebung und fällt nach Norden und Süden leicht ab. Während im östlichen Teil niedrige Strauch- vegetation dominiert, wird der zentrale Be- reich von ca. 15 Meter hohem, dichtem Wald bestanden. Dieser nimmt ca. 25 Prozent des Areals ein und ist damit als potenzielles Strömungshindernis für eine westwärts ge- richtete bodennahe Kaltluftströmung anzu- sehen. Nach Süden wird der Wald durch ei- nen mehrere hundert Meter langen und ca. zehn Meter hohen Hochbunker der ehemali- gen Fabrik begrenzt. Im Westen und Norden des Gebiets liegen einige ca. zehn Meter hohe Industriegebäude. Der Anteil der ver- siegelten Flächen im Untersuchungsgebiet beträgt 13 Prozent. Aufgrund dieser Flä- chennutzungsverhältnisse wird das Kaltluft- bildungspotenzial dieses Plangebiets als ge- ring eingeschätzt. Bezüglich eines potenzi- ellen Kaltlufttransports von dem in ca. 1,2 Kilometer Entfernung östlich gelegenen „Regionalen Grünzug D“ über das Plange- biet in die Innenstadt ist die Situation für die Planfläche ungünstig, weil das Gebiet selbst eine hohe Oberflächenrauigkeit (z 0 = 1,2 Meter) aufweist. Zusätzlich wird die Ostab- grenzung durch einen ca. zehn Meter hohen bewaldeten Damm der ehemaligen Zechen- bahn gebildet, der zur weiteren Gebietskam- merung führt und damit ein Strömungshin- dernis darstellt. Die 1,2 Kilometer lange Fläche zwischen dem Plangebiet und dem „Regionalen Grünzug D“ ist in weiten Teilen durch Fabrikgebäude und Verkehrsflächen versiegelt. Trotz strömungsgünstig angeord- neter Gebäude besteht die Gefahr, dass zu UVP-report 18 (1), 2004 21 Planungsrelevante Stadtklimatologie am Beispiel der beabsichtigten Flächenumwidmung einer Industriebrache Dirk Dütemeyer, Andreas-Bent Barlag und Wilhelm Kuttler Zusammenfassung Am Beispiel einer innerstädtischen Industriebrachfläche wird gezeigt, wie im Rahmen der Aufstellung eines Bebauungsplans stadtklimatische Belange mittels der Ergebnisse einer Umweltverträglichkeitsprüfung in den kommunalen Planungsvollzug integriert wer- den können. Untersuchungen, die hierzu exemplarisch in der Stadt Gelsenkirchen durch- geführt wurden, beruhen auf Tracer-Ausbreitungskampagnen, meteorologischen Messungen und numerischen Modellsimulationen (HDKLAM) zur Ermittlung der Kaltluftdynamik. Auf der Basis dieser Daten wurden bewertende Aussagen zum klimati- schen Potenzial der Industriebrache für den Ist- und Plan-Zustand vorgenommen. Abstract The example of an derelict industrial area is used to demonstrate the way in which urban climate issues can be taken into consideration in the production of a development plan on the basis of the results of an environmental impact study. Investigations conducted in the town of Gelsenkirchen were based on tracer cold air drainage campaigns, meteorological measurements and numerical simulations (HDKLAM) for the determination of cold air dynamics. An assessment of the climate potential of the industrial site in its actual and planned condition is made on the basis of the results.