LORENZ RAHMSTORF Ur- und Frühgeschichte Definition des Faches und Relevanz des Mittelmeerraumes für das Fach Das Fach Ur- und Frühgeschichte befasst sich mit der Geschichte der Menschheit von ihren ersten Anfängen bis zum Einsetzen einer umfangreichen Geschichts- schreibung. Der Abschnitt der Ur- oder Vorgeschichte (oder Prähistorie) 1 bezeich- net somit einen enorm langen Zeitraum, aus dem keinerlei Texte überliefert sind. Die Frühgeschichte repräsentiert dagegen jene Zeiträume, aus denen erste spärliche schriftliche Überlieferungen bekannt sind, diese aber nicht ausreichen, um Ereig- nisgeschichte zu schreiben. Die Epoche der Frühgeschichte par excellence ist die Völkerwanderungszeit bzw. das Frühmittelalter in weiten Teilen Europas. In ande- ren Fällen ist eine Verständigung, was noch Urgeschichte, was bereits Frühge- schichte ist, schwieriger. 2 In diesem Beitrag wird von einer Frühgeschichte ab der Eisenzeit gesprochen, obwohl sich in den jeweiligen Regionen die erste Schriftlich- keit zu unterschiedlichen Zeitpunkten findet. Durch die oben genannte Definition des Faches ist ersichtlich, dass es nicht wie die anderen archäologischen Disziplinen regional oder chronologisch beschränkt ist, sondern dass es weltweit praktiziert werden kann. Traditionell ist das Kerngebiet der Ur- und Frühgeschichte, wie sie in Deutschland gelehrt wird, das europäische Festland und insbesondere Mitteleuro- pa. Der mediterrane Raum, der die südliche „Grenze“ Europas nach Afrika und nach Asien bildet, wird somit nicht als unbedingter Bestandteil des Faches angese- hen 3 . Grundsätzlich ist die Bedeutung des Mittelmeerraumes jedoch für ein Ver- ständnis der Ur- und Frühgeschichte des restlichen Europas unzweifelhaft von ganz zentraler Bedeutung, liefen doch über dieses Gebiet in allen Epochen grundlegende Veränderungen und Neuerungen, die auch Mitteleuropa tiefgreifend prägten. Er- 1 Manchmal wird auch begrifflich zwischen Urgeschichte – was dann nur die Altsteinzeit bezeichnen soll – und Vorgeschichte differenziert, doch sind dies Ausnahmen, die sich an der Terminologie in Frankreich orientieren. Dort wird öfters unter préhistoire nur die Alt- und Mittelsteinzeit verstan- den, während der Zeitabschnitt ab der Jungsteinzeit (Neolithikum) mit produzierender Wirt- schaftsweise als protohistoire bezeichnet wird, vgl. etwa Otte, 2002, S. ii. In jüngeren französischen Arbeiten wird allerdings der hier verwendeten Definition gefolgt, s. etwa Clottes, 2010. Die syno- nyme Verwendung von Vor- bzw. Urgeschichte zeigt sich in der Benennung der Universitätsinsti- tute des Faches im deutschsprachigen Raum. Inhaltlich ist dabei der Begriff Urgeschichte zu bevor- zugen, da er nicht impliziert, dass die Menschen in diesen Zeiträume keine Geschichte gehabt hät- ten, vgl. Eggert, 2001, S. 1–2. 2 Beispielsweise wird kaum von einer Frühgeschichte des mykenischen Griechenlands des 14. und 13. Jahrhunderts gesprochen, auch wenn aus diesem Zeitraum erste lesbare Texte bekannt sind. 3 Dies gilt insbesondere für die jüngeren Epochen der Bronzezeit und der Eisenzeit, wo es zu zahlrei- chen Überschneidungen zu anderen archäologischen Fächern (Klassische Archäologie, Vorderasia- tische Archäologie, Biblische Archäologie, Ägyptologie), kommt.