151 Szilvia Gellai Dramatische Vernetzung in Daniel Glattauers E-Mail-Romanen Die Konkurrenz der Modi: Zwischen Dramatik und Narrativität Die Bühne ist zweigeteilt. Die in hellen und warmen Tönen eingerichtete linke Hälfte gehört einer Frau, die grau gestrichene rechte einem Mann. Außer ihnen tritt niemand in Erscheinung. Das Mobiliar, dessen Herzstück hier wie da ein Schreibtisch mit einem Laptop beziehungsweise einem Computerbildschirm bildet, ist schlicht und funktional, die Atmosphäre heimelig: Beide Personen befinden sich jeweils zu Hause. Ihre im Bühnen- raum vereinten, gleichsam aneinandergefügten Zimmer trennt nur eine imaginäre Wand in der Mitte, die Assoziationen an den filmischen Split- screen weckt. Denn die physische Undurchdringlichkeit der besagten Wand wird dem Zuschauer während der Aufführung durchgehend vor Augen geführt: Die Gestalten bewegen sich stets nur im eigenen Gehäuse und bli- cken einander, obschon fortwährend im Dialog, niemals an. Sie sprechen entweder direkt in ihre Monitore oder Richtung Publikum in den Raum hinein. Die Grenze zwischen den privaten Mikrowelten wird einzig durch einen großen digitalen Zähler in der Mitte der Kulisse durchbrochen, ragt er doch sowohl in die Sphäre der einen als auch in die der anderen Figur hinein. Er zeigt die im Laufe der Handlung verfließenden Monate und Tage an. Gleichzeitig lädt er das Schauspiel mit der Metapher der digitalen Medi- alität auf. Pointierter wäre der Chronotopos der vernetzten Gegenwart in einem Bühnenbild wohl kaum zu fassen gewesen. Der beschriebene szenische Kontext entspricht der Budapester Auffüh- rung der Bühnenfassung 1 von Daniel Glattauers E-Mail-Roman »Gut gegen Nordwind« (2006) 2 , der in »Alle sieben Wellen« (2009) 3 seine Fortsetzung fand. In den Romanen entfaltet sich die inzwischen einem breiten Publi- kum bekannte Geschichte zweier Figuren, die einander zufällig im Internet begegnen: Wegen eines Tippfehlers in der Mailadresse landet Emmi Roth- ners Abonnementkündigung im Postfach von Leo Leike. Aus der gründli- chen Besprechung dieser Verirrung entspinnt sich ein langfristiger, intensi- ver Austausch zwischen der verheirateten Frau und dem alleinstehenden Mann. »Anfangs genießen sie die Schwerelosigkeit, öffnen sich einander freudig, mit dem Argument, entspannt vertraulich sein zu dürfen, da man sich sowieso niemals sehen würde. Mit der Zeit schlägt die Sache aber in