Stefan Hartmann Wortbildungswandel im Spiegel der Sprachtheorie: Paradigmen, Konzepte, Methoden 1 Im Zentrum der Sprache In der historischen Sprachwissenschaft erfreut sich die diachrone Wortbildungs- forschung nach jahrzehntelanger Vernachlässigung derzeit wachsender Beliebt- heit (vgl. z. B. Munske 2002; Scherer 2005, 2006). Dies ist insofern naheliegend, als die Morphologie, wie Spencer / Zwicky (1998, 1) es ausdrücken, als „concep- tual centre of linguistics“ verstanden werden kann. Die Wortbildung als „direkter Schnittpunkt von Syntax, Semantik, Morphologie und Lexikon“ (Kastovsky 1982, 15) wiederum wird etwa von Nübling et al. (2013, 2) im Kernbereich der Sprache angesiedelt, der für außersprachliche Einflüsse weniger anfällig ist als etwa die Lexik oder Pragmatik. Gerade in der Erforschung des Wortbildungswandels tritt jedoch die Heterogenität und Pluralität theoretischer und methodischer Zugangs- weisen, die jüngst Maitz (2012) als Merkmal der Historischen Sprachwissen- schaft seit den 1970er-Jahren herausgearbeitet hat, in besonderem Maße zutage. Überdies spiegeln sich übergreifende Tendenzen und Paradigmen der Sprach- wissenschaft in kaum einem anderen Bereich der Sprachgeschichtsforschung so deutlich wider wie auf diesem Gebiet. So hat der „Paradigmenwechsel von der junggrammatisch-historischen zur strukturalistisch-gegenwartsbezogenen Perspektive“ (Munske 2002, 23) die Wortbildungsforschung ebenso nachhaltig beeinflusst wie die empirische Wende der letzten Jahrzehnte. Dieser Beitrag kann keinen erschöpfenden Überblick über die Geschichte der Wortbildungsforschung, auch nicht über die verschiedenen Ansätze und Methoden in der gegenwärtigen Erforschung des Wortbildungswandels geben. Vielmehr soll es darum gehen, anhand mehrerer bereits vieldiskutierter Bei- spiele aufzuzeigen, welche Implikationen unterschiedliche sprachtheoretische Vorannahmen mit sich bringen und wie Wortbildungswandel in einem konstruk- tionsgrammatisch orientierten Paradigma untersucht werden kann, das diese Vorannahmen auf ein Minimum reduziert und eine bottom-up-Beschreibung des Sprachgebrauchs ausgehend von tatsächlichen Sprachdaten anstrebt. Insbesondere soll es dabei auch darum gehen, zentrale, etablierte Begriffe der (historischen) Sprachwissenschaft zu hinterfragen und ihre Erklärungsad- äquatheit auf empirischer Grundlage zu untersuchen. Dies gilt insbesondere für 10.1515/jbgsg–2014-0013 Bereitgestellt von | provisional account Unangemeldet Heruntergeladen am | 01.10.14 11:06