Ophthalmologe 2013 · 110:346–352
DOI 10.1007/s00347-012-2752-3
Online publiziert: 16. Januar 2013
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
F. Schütt
1
· S. Aretz
2
· G.U. Auffarth
1
· J. Kopitz
2
1
Augenklinik, Universität Heidelberg
2
Pathologie, Universität Heidelberg
Rolle des Energiestoff-
wechsels im retinalen
Pigmentepithel
Hintergrund
Das Altern von postmitotischen Geweben
wie dem retinalen Pigmentepithel (RPE)
geht einerseits mit einer Abnahme der in-
trazellulären Konzentration des universel-
len Energieträgers Adenosintriphosphat
(ATP) und anderseits mit zunehmender
Schädigung durch oxidativen Stress ein-
her. Die intrazellulären ATP-Spiegel sind
im RPE von älteren Individuen (>60 Jah-
re) gegenüber jüngeren um etwa 30% ver-
mindert. Darüber hinaus werden im ge-
alterten RPE vermehrt oxidative Prote-
in- und DNA-Schädigungen nachgewie-
sen [14, 16, 29]. Insgesamt scheinen eine
eingeschränkte ATP-Produktion und zu-
nehmender oxidativer Stress erheblich zur
Entstehung altersbedingter Dysfunktio-
nen in langlebigen postmitotischen Zel-
len wie Neuronen, Skelettmuskelzellen,
Kardiozyten, aber auch RPE-Zellen bei-
zutragen. Es gibt eine Vielzahl von Hin-
weisen, dass dies auch für die Entstehung
von altersassoziierten Augenerkrankun-
gen wie Glaukom, diabetische Retino-
pathie oder altersabhängige Makuladege-
neration (AMD), zutrifft [15]. Während
beim Glaukom eine verminderte ATP-
Produktion in Mitochondrien der retina-
len Ganglionzellen nachgewiesen wurde
[17], scheinen bei der diabetischen Reti-
nopathie und bei der AMD Alterungspro-
zesse im RPE im Vordergrund zu stehen
[4, 16]. Dies steht in engem Zusammen-
hang mit den essenziellen metabolischen
Funktionen, die das RPE für die Funktion
und das Überleben der retinalen Photore-
zeptoren leistet [31].
Viele dieser essenziellen Aufgaben des
RPE sind mit einem hohen ATP-Bedarf
verbunden. Alle von den Photorezeptoren
benötigten Nährstoffe müssen durch das
RPE angeliefert werden, und vom Photo-
rezeptor abgegebene Metaboliten werden
wieder vom RPE zur Blutbahn zurück-
transportiert. Es handelt sich dabei um
einen transzellulären Transport, der zwar
einen effizienten und sehr selektiven, auf
die Bedürfnisse der Photorezeptoren zu-
geschnittenen Stoffaustausch erlaubt, aber
mit einem hohen ATP-Verbrauch verbun-
den ist. Da Photorezeptoren nicht zur Re-
generation des beim Sehprozess anfal-
lenden all-trans-Retinal in der Lage sind,
muss dessen Regeneration über den Re-
tinalzyklus im RPE verwirklicht werden.
Die dazu benötigten Enzymsysteme des
RPE werden allosterisch durch ATP akti-
viert [30]. Folglich wird diese RPE-Funk-
tion ebenfalls durch den Energiestatus der
RPE-Zelle beeinflusst. Auch die Phagozy-
tose und der anschließende lysosomale
Abbau von abgestoßenen Photorezeptor-
außensegmenten durch das RPE sind mit
einer komplexen Sequenz von ATP ver-
brauchenden biochemischen Prozessen
verbunden.
Da sich RPE-Zellen nicht durch Zell-
teilung erneuern können, sind durch Au-
tophagie eingeleitete intrazelluläre Er-
neuerungs- und Reparaturprozesse für
die jahrzehntelange Aufrechterhaltung
der zellulären Funktionen von grundle-
gender Bedeutung [8, 10]. Auch die Auto-
phagie ist wie die Phagozytose von hohen
intrazellulären ATP-Konzentrationen ab-
hängig [25].
Eine reduzierte Verfügbarkeit des zel-
lulären Energieträgers ATP in gealterten
Zellen ist hauptsächlich auf einen verlang-
samten Elektronentransport in der mito-
chondrialen Atmungskette zurückzufüh-
ren. Nach einer Hypothese entsteht die-
se fortschreitende Funktionseinschrän-
kung durch oxidative Schädigung mito-
chondrialer Bestandteile (Enzyme, mito-
chondriale DNA, Membranlipide; [7]). In
RPE-Zellen können neben der „intrinsi-
schen“ Radikalproduktion in Mitochon-
drien zusätzlich noch weitere Faktoren
zum oxidativen Stress und zur mitochon-
drialen Dysfunktion beitragen. Aufgrund
der Lokalisation in der Retina in einer äu-
ßerst sauerstoffreichen Umgebung und
der gleichzeitigen Exposition gegenüber
UV-Licht besteht per se ein hohes Risi-
ko der Radikalbildung und daraus resul-
tierender oxidativer Zellschädigung. Ein
charakteristisches Kennzeichen gealterter
RPE-Zellen ist die Bildung von Lipofus-
zin-Granula, die in Gegenwart von UV-
Licht durch die Bildung von freien Sauer-
stoffradikalen massiv zur oxidativen Zell-
schädigung beitragen können [18]. Wäh-
rend diese Lipofuszin-induzierte Photo-
toxizität wahrscheinlich eine bedeutsa-
me Rolle in der Pathogenese der altersab-
hängigen Makuladegeneration spielt [9,
16], stehen bei der diabetischen Retino-
pathie durch erhöhte Glukosespiegel in-
duzierte Ablagerungen („advanced glyca-
tion end products“, AGE) im RPE im Ver-
dacht, massiven oxidativen Stress auszu-
Dieses Manuskript basiert auf einem Vortrag,
gehalten auf dem DOG-Kongress 2011.
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Der Ophthalmologe 4 · 2013
Originalien