PRAXIS Mini-Review Praxis 2014; 103 (21): 1247 – 1255 1247
DOI 10.1024/1661-8157/a001802 © 2014 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern
Dermatologische Klinik, Universität Zürich
Isabel Krämer, Franziska Zabel, Thomas M. Kündig, Pål Johansen
Transkutane Applikationen bei Impfungen
und Immuntherapien
Transcutaneous Applications for Vaccination and Immunotherapy
Die Haut als immuno-
logisches System
Während die Haut früher vorwiegend
als mechanische Barriere betrachtet
wurde, wird in letzter Zeit zunehmend
klar, dass es sich vielmehr um ein gross-
flächiges immunologisches Organ han-
delt. Gesunde und unvorbereitete Haut
ist auch für kleinste Moleküle praktisch
undurchlässig, man denke nur an ein
ausgedehntes Bad, bei dem keine rele-
vanten Mengen von Wassermolekülen
eindringen. Unter gewissen Vorausset-
zungen kann die Haut jedoch für topisch
applizierte Stoffe durchlässig gemacht
und somit für die nadelfreie Verabrei-
chung von Vakzinen genutzt werden.
Die medizinische Forschung beschäftigt
sich intensiv mit der Entwicklung sol-
cher Applikationsformen, die die Hand-
habung von herkömmlichen Systemen
stark vereinfacht.
Aufbau der Haut
Die Haut ist in drei Schichten aufgebaut
(Abb. 1a): die Epidermis, die Dermis
und die Subkutis [1]. Die Keratinozyten
und die Langerhans-Zellen (epidermale
dendritische Zellen, LC) in der Epider-
mis sind relevant für die Immunant-
wort, sowie die dendritischen Zellen
(DC) und Mastzellen in der Dermis [2].
Das Stratum corneum (Abb. 1b), ein Teil
der Epidermis, hat eine Barrierefunkti-
on. Es besteht aus toten Keratinozyten,
die in eine lipidreiche Matrix gebettet
sind. Die Barrierefunktion wird durch
die Tight junctions im Stratum granu-
losum verstärkt [1].
Keratinozyten besitzen eine wichtige
Rolle bei der Erkennung von Pathogenen
und deren Abwehr. Durch mechanische,
metabolische oder mikrobiologische
Reize schütten sie proinflammatorische
Chemokine und Zytokine aus, die dann
Entzündungen durch Infiltration von
antigen-präsentierenden Zellen (Makro-
phagen, DC, Monozyten) sowie neutro-
phile Leukozyten initiieren [1]. Bei ihrer
Aktivierung schütten Mastzellen Leuko-
triene, Prostaglandine und Zytokine aus
und können eine Entzündung erzeugen.
Des Weiteren können Mastzellen Hist-
amin freisetzen, das eine zentrale Rolle
Im Artikel verwendete Abkürzungen:
BCG Bacillus Calmette-Guérin
DC Dendritische Zellen
LC Langerhans-Zellen
Zusammenfassung
Obwohl Edward Jenner die Haut nutz-
te, um die ersten Impfungen zu ap-
plizieren, sind die immunologischen
Eigenschaften der Haut erst in den
letzten 20 Jahren so richtig verstanden
worden. Die Haut eignet sich speziell
für transkutane Impfungen und Im-
muntherapien, da sich in der Epider-
mis und der Dermis eine hohe Dichte
kompetenter Immunzellen befindet.
In der medizinischen Forschung gibt
es verschiedene Ansätze für trans-
kutane Verabreichungsformen. Man
unterscheidet zwischen chemischen,
biochemischen und physikalischen
Methoden, um mit grösseren Molekü-
len in die Haut zu gelangen. Vor allem
für Kinder würden sich die schmerz-
freien Therapien eignen, aber auch für
Erwachsene ist diese, in der Regel von
Patienten selber applizierte, nicht-in-
vasive Verabreichungsmethode eine at-
traktive Alternative zu den herkömmli-
chen Injektionsmethoden. Zukünftige
Produkte befinden sich in Studien der
Phase I-III und liefern vielversprechen-
de Ergebnisse.
Schlüsselwörter: Haut – Transkutan
– Immuntherapie – Impfung – Kinder
Abb. 1: Eine anatomische Übersicht der Haut a) und der Epidermis b).
a) b)
Persönliches Autorenexemplar (e-Sonderdruck)